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Alle Beiträge von Dirk Bongardt
Kuratier-Werkzeug Storify vor dem Aus
Eigentümer Adobe zieht beim beliebten Kuratier-Werkzeug Storify den Stecker. Seit gestern erlaubt Storify keine Neu-Registrierungen mehr. Neue Storifys lassen sich derzeit noch anlegen, damit wird am 1. Mai 2018 Schluss sein. Gut zwei Wochen später, am 16. Mai 2019, geht Storify dann endgültig vom Netz.
Storify war 2013 von der Kommentarplattform Livefyre übernommen worden, Adobe hatte Livefyre dann im Mai 2016 geschluckt. Die Funktionen von Storify hat Adobe inzwischen seinem kostenpflichtigen Adobe Experience Manager einverleibt.
Nutzer der kostenlosen Plattform, die auf ihre dort erstellten Geschichten nicht verzichten wollen, können die Daten im HTML-, XML- oder JSON-Format sichern und bei Bedarf selbst hosten. Wie der Export funktioniert, verrät das folgende Video:
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Deutscher Reporterpreis 2017: Preisträger stehen fest
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Das Reporter-Forum hat am 11.12.2017 die diesjährigen Preisträger bekannt gegeben. Aus 1612 eingereichten Arbeiten haben die 95 Vorjuroren in den zwölf Kategorien insgesamt 112 Texte und Projekte für den Reporterpreis 2017 nominiert. Hier sind die Sieger.
Direkt zu den Reportagen:
- Mannomannomann
- Armer Hund!
- In eisigen Tiefen
- Das PC-Monster
- Der Verlorene
- “Sie werden mich für immer hassen”
- Ein Anschlag ist zu erwarten
- Stadt, Land, Vorurteil
- Was wollten Sie in Berlin?!
- Tanz der Tugendwächter
- Wo ist Hintze?
- Made in Germany
- Der Anpasser
Die Jury der jährlich vergebenen Preise ist zu gleichen Teilen mit preisgekrönten Reportern und prominenten Publizisten und Autoren besetzt; erklärtes Ziel der Initiative ist es, den Qualitätsjournalismus zu stärken.
YouTube nimmt Gewaltvideos ins Visier
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Arbeiten in vollen Zügen: Gesichter einer Hassliebe
Als ich um viertel nach sechs das Haus verlasse, sind es noch mehr als zwei Stunden, bis ich mit dem Unterricht beginnen kann. Eine Zeit lang habe ich versucht, die erste halbe Stunde auf dem Weg zum Bahnhof produktiv zu nutzen, etwa mit Hörbüchern oder Podcasts. Aber um diese frühe Zeit verlangt mir das Autofahren noch so viel Konzentration ab, dass von den gehörten Inhalten immer nur Bruchstücke hängen bleiben. Heute berieselt mich deshalb Radio Lippe, bis ich den Smart in die äußerste rechte der Parkbuchten direkt gegenüber dem Bahnsteig rollen lasse und den Motor abstelle. Die regionale Bahnlinie nutze ich von hier an als Transportmittel und Arbeitsplatz gleichermaßen – mit variierenden Erfolgen auf beiden Gebieten.
Wie meist, bin ich auch heute fünf Minuten zu früh da. Zwei Frauen und ein Mann warten am Bahnsteig. Ich bleibe noch im Wagen – zum einen, weil sich der wartende Mann in eine Nikotinwolke hüllt. Hauptsächlich aber, um mit meinem Smartphone und der App Duolingo noch etwas Spanisch zu lernen. Fünf Minuten sind dafür keine lange Zeit, aber auch kleine Schritte führen irgendwann zum Ziel.
Zuverlässigkeit und Service – äh, na ja
“Sehr geehrte Fahrgäste”, leitet sich der Sprecher ein, dessen Stimme aus den Lautsprechern am Bahnhof ertönt. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie er jetzt fortfahren kann. Sagt er “Es fährt ein…”, ist alles, wie es sein soll. Sagt er “Aus betrieblichen Gründen”, dann hat er erneut zwei Möglichkeiten. Mit etwas Glück sagt er dann “verspätet sich…”, wenn es schlecht läuft, beginnt er die Fortsetzung mit “entfällt…”. Heute kündigt er eine Verspätung von “circa fünf Minuten” an. Ich habe auch schon erlebt, wie er seine Ansage im Laufe einer Viertelstunde von “verspätet sich um circa fünf Minuten” zu “entfällt” eskaliert hat. Heute läuft es besser: Noch bevor die versprochenen fünf Minuten ganz vorbei sind, rollt der in Weiß und Gelb gestrichene Zug am Bahnsteig ein. Ein schnauzbärtiger Fahrgast in Polizeiuniform steigt aus, gefolgt von einer mürrisch blickenden blonden Frau.
Ich steige ein und gehe zu meinem Stammplatz, einem Fensterplatz in Fahrtrichtung links, etwa in der Mitte des Wagens. Auf der Fensterseite ist ein kleiner Mülleimer angebracht, dessen hölzerne Abdeckung als Tisch dient. Ich starte die Hotspot-Funktion an meinem Smartphone, lege es auf den kleinen Tisch und ziehe mein Notebook aus der Tasche.
“Guten Morgen! Einmal die Fahrscheine bitte!” – die Stimme gehört einer brünetten, kräftigen Frau in den Vierzigern, deren Uniform sie unzweideutig als Mitarbeiterin der Bahnlinie ausweist. Sie gehört zum Stammpersonal, wie ich zu den Stamm-Fahrgästen gehöre, wir haben uns in den letzten zwei Jahren fast jede Woche ein, zwei Mal gesehen. Sie mustert mein Abo-Ticket, sieht mich an und sagt “Ich muss mal Ihren Personalausweis sehen.” Ich friemele das gewünschte Dokument aus dem Innenfach meiner Geldbörse. Ihre Blicke wandern zwischen Ticket, Ausweis und meinem Gesicht hin und her, bis sie endlich zufrieden nickt und sich anderen Fahrgästen widmet.
Arbeit mit Hindernissen
Einen Beitrag zu “Einsatzmöglichkeiten für Virtual Reality im geschäftlichen Kontext” wünscht sich ein Auftraggeber. In den letzten Tagen habe ich Fallbeispiele, Pressemitteilungen und Expertenkommentare gesammelt, und inzwischen einen, wie ich meine, recht guten Überblick über das Thema. Ich klappe mein Notebook auf, starte die Textverarbeitung und beginne, einen ersten Absatz zu schreiben.
“Nächster Halt: Lage!” verkündet eine Männerstimme aus dem Zuglautsprecher, kurz bevor der Zug an einem Bahnsteig zu stehen kommt. Hier hat der Zug um diese Zeit eine Viertelstunde Aufenthalt (nach Abzug der Anfangsverspätung bleiben davon heute noch zehn Minuten), und wenn es gut läuft, komme ich unterdessen derart in Fahrt, dass die Rohfassung meines Beitrags fertig ist, wenn ich vierzig Minuten später in Bielefeld aus dem Zug steige.
“Planmäßige Weiterfahrt sieben Uhr – ääääh – siebzehn”, ist aus dem Zuglautsprecher zu hören. Der Mann vom Ausgangsbahnhof ist ausgestiegen und steht jetzt, den Blick in die Ferne gerichtet, vor dem Zugfenster, wo er sich erneut in eine Nikotinwolke hüllt. Ich versuche, in den Tunnelblick-Modus zu gelangen, starre auf meine Tastatur und denke über einen möglichst interessanten Einstieg in meinen Beitrag nach. Ich kenne Kollegen, die sich erst ganz zuletzt um den Einstieg kümmern, aber für mich hat das nie funktioniert. Endlich meine ich, einen brauchbaren ersten Satz gefunden zu haben, und lege gerade meine Finger auf die Tasten, da erscheinen zwei junge Frauen, die sich auf die beiden freien Plätze mir gegenüber setzen, und ein Mann in den frühen Zwanzigern, dessen Körperfülle der meinen mindestens ebenbürtig ist, und der sich neben mich zwängt.
Mit an den Körper angelegtem rechten Arm beginne ich mit dem Schreiben, aber die Formulierungen verschwimmen auf dem Weg vom Gehirn in die Finger, und als der erste Absatz endlich Gestalt angenommen hat, weiß ich, da muss ich noch mal ran. Aber die innere Handbremse ist gelöst, nach und nach können jetzt weitere Sätze, Gedanken, Absätze folgen.
Der Mann neben mir ruckelt auf seinem Sitz vor und zurück. Zuerst vermute ich, er sei auf der Suche nach dem optimalen Kontakt zwischen Körper und Sitz, aber als er die Ruckelei in unregelmäßigen, kurzen Abständen wiederholt, wird eine Marotte wahrscheinlicher. Vermutlich ruckelt er auch, wenn er auf seiner Couch vor dem Fernseher sitzt. “Als Sozius auf einem Motorrad wäre er ein Sicherheitsrisiko”, denke ich und merke, dass meine Konzentration auf Wanderschaft gegangen ist. Zum Glück setzt sich der Zug jetzt ratternd in Bewegung, und die Unruhe meines Sitznachbarn geht in den Vibrationen unter, die die Fahrt auf den Gleisen mit sich bringt.
Die beiden jungen Frauen – ihren bunten Rucksäcken nach, aus denen Collegeblöcke ragen, wahrscheinlich Schülerinnen oder Studentinnen – unterhalten sich, die Blicke auf ihre Smartphones gerichtet, über Sinn und Unsinn von Snapchat, gelegentlich unterbrochen von gemeinsamem Kichern. Ich gehe am Notebook meine Notizen durch und entscheide mich, als erstes Fallbeispiel ein Virtual Reality-Reiseportal zu beschreiben. Dazu will ich noch schnell einen Blick auf das Pressematerial werfen und klicke auf den notierten Link. Hätte ich das mal früher getan: Von Lemgo bis Lage bekomme ich fast immer eine schnelle mobile Internetverbindung, jenseits von Lage und bis hinter Oerlinghausen reduziert sich die Datenrate aber auf Kriechgeschwindigkeit. Während nach und nach, quälend langsam die Rudimente einer Website auf dem Display erscheinen, zaubert mir die Erinnerung das Pfeifen und Sirren meines alten Modems aus CompuServe-Zeiten ins Ohr.
Minuten später fasse ich die gefundenen Informationen in einen mehr oder weniger wohlgesetzten Absatz. Mein Sitznachbar seufzt, ruckelt für ein paar Sekunden noch kräftiger als bisher, und, das fällt mir jetzt erst auf, starrt unverhohlen auf meinen Bildschirm. Mir fällt die Radiowerbung ein, in der ein Geldinstitut seinen Kunden empfiehlt, Fahrten in vollen Zügen für “ganz entspanntes” Online-Banking zu nutzen.
Mein heutiger Sitznachbar ist nicht der erste, der sich derart dreist dafür interessiert, was auf meinem Bildschirm vorgeht. Mitunter warte ich in solchen Situationen einen unbeobachteten Moment ab, rufe die Website Geektyper auf, und simuliere eine Interpol-Abfrage oder den Start einiger Nuklearraketen. Heute ziehe ich es vor, weiter an meinem Beitrag zu arbeiten – den Verfassungsschutz oder den BND alarmiert ja ohnehin wieder keiner.
Die Hölle, das sind die anderen
“Noch jemand zugestiegen?” – Die Mitarbeiterin der Bahnlinie ist wieder da, besieht sich die Fahrscheine meiner Mitreisenden. Als die junge Frau, die mir direkt gegenüber sitzt, ihr Ticket vorzeigt, steigt die Körperspannung der Kontrolleurin spürbar an, ihre Augenlider verengen sich und ihre Mundwinkel werden zu perfekten Waagerechten. “Sie wissen, dass das als Schwarzfahren gilt?”, sagt sie, halb als Frage, halb als Feststellung. Dann fordert sie “Zeigen Sie mal Ihren Personalausweis. Ich nehme Ihre Daten auf.” Die junge Frau, inzwischen leicht errötet, sitzt für einen Atemzug mit offenem Mund da, dann fragt sie
“Wieso, was ist los? Das ist mein Monatsticket! Das hat mir die Uni gegeben. Das ist doch gültig!”
“Das ist nicht gültig”, beharrt die Kontrolleurin, “Sie haben den Fahrschein laminiert, und damit wird er ungültig.”
Tatsächlich verbietet das Kleingedruckte in den Beförderungsbedingungen fast jeder Bahnlinie das Laminieren von Fahrscheinen, weil sie unter einer Folie deutlich schwerer als Fälschung zu erkennen sind. Die Chance, ein solches Verbot nicht zu kennen, ist dennoch relativ hoch. Die Studentin argumentiert, sie habe nichts davon gewusst, andere Kontrolleure hätten das eingeschweißte Ticket bislang nicht beanstandet, und außerdem sei es doch unnütz, ein Ticket zu fälschen, das sie ohnehin von der Uni bekomme. Die Kontrolleurin beharrt auf den Personalien, gibt aber einen Fußbreit nach: “Gehen Sie mit dem Fahrausweis in Bielefeld zum Bahnschalter und fragen Sie, ob man Ihnen dort einen Ersatzschein ausstellen kann! Vielleicht machen die das, dann haben Sie nochmal Glück. Aber tun Sie das heute noch!”
“Ich habe mal in Barcelona gelebt, drei Jahre lang!”, höre ich eine Männerstimme von schräg rechts hinter mir, “Wart ihr schon mal in Barcelona?” Offenbar sitzt der Barcelona-Kenner im Sichtfeld der beiden jungen Frauen, denn sie blicken in die Richtung, aus der Stimme zu kommen scheint, und beide verneinen zaghaft. “Müsst ihr mal hin”, setzt er seinen Monolog fort, “da gibt’s Schuhe. Also, Schuhe gibt’s hier ja auch, aber da gibt’s die Schuhe, die hier erst in ein, zwei Jahren auf den Markt kommen. Und billig. Sonst ist Barcelona ja nicht so billig, aber wenn ihr mal neue Schuhe kaufen wollt, unbedingt Barcelona.”
Am nächsten Halt steigen eine Frau und zwei Männer zu, die augenscheinlich zusammen gehören. Einer der Männer und die Frau schieben je ein Fahrrad in den Fahrgastraum, der andere Mann trägt in der rechten Hand eine Plastikeinkaufstasche, die dem Klimpern nach mit Glasflaschen gefüllt ist. Eine braune Glasflasche hält er auch in der linken Hand, und nimmt daraus einen kräftigen Schluck, nachdem sich die Türen hinter ihm geschlossen haben. Die Kontrolleurin, die noch im Gang steht, geht auf die drei zu und fragt nach den Fahrscheinen. Die drei präsentieren ihr ein Viererticket, das einen kleinen Schönheitsfehler aufweist: Es wurde bereits zwei Mal entwertet, einer der drei müsste also einen Fahrschein kaufen. “Geht nicht!”, sagt der Biertrinker mit Triumph in der Stimme, “Wir sind blank!”. Darauf angesprochen, dass ja auch für die Fahrräder Fahrscheine zu lösen seien, reagiert er leicht ungehalten: “Ich hab doch gesagt, wir sind blank!” Der Mann, der das Fahrrad schiebt, versucht sein Glück mit einschmeichelndem Tonfall “Ausnahme? Bitte, bitte!”
“Das wird mir hier zu bunt!”, schimpft die Kontrolleurin und geht mit festem Schritt in den hinteren Teil das Zuges, um kurz darauf mit einem hochgewachsenen Mann mit Streetworker-Outfit zurück zu kommen. “Polizei”, stellt sich der Mann vor und zeigt den drei Zugestiegenen eine Karte, vermutlich seinen Dienstausweis. Die Kontrolleurin will mit polizeilicher Unterstützung die Personalien der drei aufnehmen. Alle drei nennen Namen und Anschriften, aber der Mann mit der Bierflasche gibt an, keinen Personalausweis dabei zu haben.
“Macht nichts, irgendein anderes Dokument genügt mir auch”, sagt der Polizist freundlich, “eine Kreditkarte oder etwas in der Art?” Der gefragte gibt seinem Begleiter die Bierflasche und hängt den Beutel mit dem gläsernen Inhalt an einen der Fahrradlenker. Dann nestelt er eine Karte aus seiner Brieftasche.
“Hier, die ist von meiner Krankenkasse. So, wie da drauf steht, so heiße ich.”
“Also nicht so, wie Sie gerade angegeben haben?”
“Ach so, ne, so heißt mein Nachbar. Ich dachte, wegen der Post, da kommt ja bestimmt ein Einschreiben, und der ist immer zu Hause.”
Die Frau, die die beiden begleitet, hält sich die Hände vor das Gesicht und schüttelt den Kopf. Es ist nicht ganz klar, ob er sie meint, als der Biertrinker in leichter Überlautstärke intoniert “Ich bin nicht bescheuert! Ich bin nicht bescheuert!” Den Beweis dafür bleibt er schuldig, bis die drei am nächsten Halt den Zug verlassen müssen.
Viel weiter bin ich mit meinem Bericht über virtuelle Realität im Business-Kontext nicht gekommen. Ob speziell das Reisen in der virtuellen Realität je an das in der physischen Welt heranreichen wird? Mein Sitznachbar ruckelt noch einmal kräftig, dann hebt er sich mit einem letzten Ruck aus seinem Sitz und geht in Richtung Ausstieg. Ich folge ihm, die beiden jungen Frauen nesteln noch an ihren Rucksäcken, aber der Zug endet hier, und sicher werden sie ebenfalls gleich aussteigen. Hinter mir höre ich eine Männerstimme “Schuhe, unbedingt Barcelona!”
Story Spheres: Einfacher Einstieg in das Virtual Reality Storytelling
Es müssen nicht immer Videos sein: Auf der von Google gemeinsam mit der Kreativagentur Grumpy Sailor geschaffenen experimentellen Plattform Story Spheres kann ein Nutzer VR-Geschichten mit Hilfe von 360-Grad-Fotos und Audiodateien erstellen.
Die hier eingebettete Story Sphere basiert auf einem 360-Grad-Foto, das ich mit einem Android-Smartphone, mit der App Cardboard Camera, aufgenommen habe, sowie einigen unter freier Lizenz nutzbaren Audiodateien:
Audiodateien lassen sich frei in einem 360-Grad-Foto platzieren. Deshalb erklingt das Kinderlachen aus Richtung der spielenden Kinder, der Bach plätschert von da, wo das Gewässer zu sehen ist, und das Vogelgezwitscher kommt aus dem Baum. Auf dem gegenüberliegenden Hügel habe ich dann noch eine Melodie platziert, fertig war der kleine Rundblick. In diesem Beispiel habe ich für alle Audiodateien den Typ “Background” gewählt. Wer anklickbare Audiodateien benötigt – etwa eine Erzählstimme, die Erläuterungen zu den visuellen Inhalten liefert – wählt dafür den Typ “Hotspot”. In Story Spheres lassen sich zudem mehrere 360-Grad-Fotos miteinander verlinken, sodass der Betrachter innerhalb der selben Story verschiedene miteinander verbundene Schauplätze besuchen kann.
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Instant Articles: Facebook kündigt Versuche mit Bezahlinhalten an
Von Oktober an will Facebook im Rahmen der Instant Articles erste Versuche mit bezahlten Abonnements durchführen. Das berichtet unter anderem die Adweek, nachdem ein Sprecher von Facebook die Paid Content-Initiative auf dem Digital Publishing Innovation Summit angekündigt hat. Dem Bericht zufolge plant Facebook zunächst eine Paywall nach dem “metered model”: Nutzer sollen erst zur Abo-Anmeldeseite eines Content-Anbieters weitergeleitet werden, nachdem sie zehn von dessen Instant Articles kostenlos angesehen haben. Daneben will Facebook dem Bericht zufolge ein Freemium-Modell schaffen, das es Publishern erlaubt, kostenlose und kostenpflichtige Inhalte parallel anzubieten.
Facebooks Instant Article-Modell ist in den letzten Wochen unter Druck geraten, nachdem namhafte Medien, darunter die New York Times, der Guardian und die Welt angekündigt haben, dort künftig keine Inhalte mehr bereitzustellen. Medien, die ihre Inhalte als Instant Articles direkt auf Facebook veröffentlichen, erhalten 70 oder 100 Prozent der Erlöse aus der Werbung, die im Umfeld dieser Artikel angezeigt wird, und können ihre Inhalte dank Facebooks technischer Infrastruktur speziell auf Mobilgeräten deutlich schneller bereitstellen als über die eigenen Websites. Allerdings halten sich die erzielten Werbeeinnahmen bislang in Grenzen, während die Medien an Sichtbarkeit und Reichweite der eigenen Internetauftritte einbüßen.
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Was geht, was nicht geht, und wer’s am besten macht: Medienmagazin journalist wertet Facebook-Posts aus
Im Rahmen einer Facebook-Datenanalyse haben Mitarbeiter des journalist über 160.000 Facebook-Beiträge aus acht Medienhäusern ausgewertet. Im Zentrum stand,
- welche Inhalte besonders häufig geteilt werden,
- welche die größte Resonanz hervorrufen,
- und wie sich die Social Media-Strategien der Medienhäuser unterscheiden.
Unter den Viel-Postern nahm Focus Online mit rund 80 Beiträgen pro Tag den Spitzenplatz ein. Was Kommentare und das Teilen der Posts betrifft, hatte BILD – mit “nur” rund 42 Posts am Tag – den Daten zufolge aber die Nase vorn. “Zu Spitzenzeiten hinterlassen Facebook-User unter den Beiträgen des Bild-Hauptaccounts etwa 20.000 Kommentare am Tag”, heißt es in der Mitteilung des journalist.
Bilder und Videos werden häufiger geteilt als Texte, inhaltlich liegen Nachrichten, Politik und regionale Meldungen vorn, während Mitteilungen aus dem Ressort Sport im Vergleich extrem selten geteilt werden.
Ausgewertet hat der journalist die Daten mit Hilfe eines selbstgeschriebenen Scripts, das die Graph API von Facebook nutzt. Analysiert haben die Redakteure Beiträge der Facebook-Hauptaccounts von Bild, T-Online, Spiegel Online, Focus Online, Welt, Zeit Online, Faz.net und Süddeutscher Zeitung aus dem Zeitraum Anfang Januar 2016 bis Ende Mai 2017. In seiner Juli-Ausgabe finden Interessierte eine ausführliche Auswertung.
Totale Zensur – weil eine Million Rüpel zuviel sind!
Eine Kommentarfunktion wird es auf NetKnowHow.de vorläufig nicht geben. Nach einer Befragung der Leser, von denen die Hälfte für, die andere gegen eine solche Funktion war, habe ich mich (widerruflich) dagegen entschieden. Schweren Herzens, aber aus guten Gründen:
Wie der ARD-ZDF-Onlinestudie 2016 zu entnehmen ist, nutzen hierzulande rund 58 Millionen Menschen das Internet. Bei einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Landesmedienanstalt NRW gaben ein Prozent der deutschen Internetnutzer an, bereits selbst einen Hasskommentar verfasst zu haben, und zwei Prozent bekannten sich dazu, auf einen Hasskommentar geantwortet zu haben, um diesen zu unterstützen. Es gibt also allein in Deutschland mindestens 1.160.000 verbale Gewalttäter – und das sind nur die Einsichtsfähigen.
Und: Praktisch jedes Thema kann verbale Gewaltorgien auslösen. Es reicht schon ein Kommentar zu erwachsenen Skateboardfahrern, um sich übelste Beleidigungen, bis hin zu Mord- und Vergewaltigungsaufrufen, einzuhandeln. Ganz so üble eigene Erfahrungen habe ich noch nicht gemacht (okay, ich habe mal eine Gruppe von Fans einer Rechtsrock-Band gefragt, warum sie, bei aller Vaterlandsliebe, so verächtlich mit der deutschen Rechtschreibung umgehen – das Echo war wie zu erwarten, verhallte aber schnell wieder), aber ich lege auch nicht wirklich Wert darauf.
Dazu kommt: NetKnowHow.de ist eine Ein-Mann-Show. Wenn ich im Urlaub bin oder tief in anderen Projekten stecke, oder schlicht keine Lust habe, blieben die Kommentare unmoderiert. Das hieße, sie entweder für diese Zeit in der Warteschleife zu belassen, oder das Risiko verbaler Gewaltakte einzugehen. Das erstere wäre für die anständigen Kommentatoren frustrierend, das letztere könnten Rüpel als Einladung verstehen.
Letzter und egoistischster Grund: Ich will diese Arbeit nicht leisten. Kommentare zu moderieren heißt eben nicht nur, einen sachlichen Diskurs zu begleiten. Sachlicher Diskurs braucht nur sehr wenig Moderation. Aber Beleidigungen, Bedrohungen, Hetze und andere verbale Gewalt sind Dinge, von denen ich so wenig wie möglich in meinem Leben haben möchte. 98 Prozent der Internetnutzer sind zu sachlichem Diskurs fähig. Leider reicht das nicht.
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Data Journalism Handbook erscheint 2018 in neuer Version
Das 2011 erstmals veröffentlichte Data Journalism Handbook soll im kommenden Jahr in neuer Fassung erscheinen. Das hat Adam Thomas vom European Journalism Centre in einem Blogeintrag angekündigt. Das EJC erarbeitet die neue Ausgabe in Kooperation mit dem Google News Lab.
Das Data Journalism Handbook gilt inzwischen als Standardwerk zum Thema Datenjournalismus. Beigetragen zu dem stark praxisorientierten Werk haben unter anderem Redakteure der New York Times, der Deutschen Welle, des Guardian und einer ganzen Reihe weiterer namhafter Publikationen. Eine breite Auswahl an Beiträgen aus der Praxis versprechen das EJC und Google auch für die kommende Ausgabe: Vom 31. Juli dieses Jahres an werden die Teams Teilnehmer rekrutieren, die dann 2018 im Rahmen eines “Handbook Hack” die Inhalte erarbeiten sollen. Die einzelnen Kapitel sollen online gehen, sobald sie fertiggestellt sind. Wie bereits bereits die erste Ausgabe soll auch die Neuauflage unter einer Open Source-Lizenz frei genutzt werden können.
7 Gründe, warum die Zeit bis zur Deadline immer viel zu knapp ist (und wer daran Schuld ist)
Noch zwei Stunden, noch knapp 10.000 Zeichen, und mir fehlen auch noch zwei Fotos. Die bekomme ich sicher von der Pressestelle, aber wohl nur rechtzeitig, wenn ich dort anrufe. Zeitdruck hin oder her, telefonieren muss ich sowieso, mein Interviewpartner hat die Verschriftlichung unseres Gesprächs auch noch nicht autorisiert. Okay, dann zuerst der Interviewpartner.
Ich erreiche ihn beim ersten Versuch, und er versichert mir, er habe den Interviewtext soeben zurück geschickt – mit ein paar Änderungen, wirklich nur Marginalien, aber die seien ihm äußerst wichtig, und wenn ich die nicht akzeptieren könne, dann dürfe der Artikel eben nicht erscheinen. “Sie meinen, das Interview”, korrigiere ich besserwisserisch, obwohl mir für solche Klugscheißereien die Zeit fehlt. Nein, er meine schon den ganzen Artikel. Der stehe und falle schließlich mit seinen Worten. Als Mitwirkender habe er außerdem das Recht, das Erscheinen des Beitrags zu untersagen. Ich verabschiede mich mit ein paar beschwichtigenden Floskeln und sehe in den E-Mail-Eingang.
Was er als Marginalien beschrieben hat, ist nichts weniger als das komplette Interview. Er hat darin nicht nur seine Antworten geändert, sondern auch meine Fragen umgeschrieben. Als ich zum Telefon greife, fällt mein Blick auf meine Armbanduhr: Noch achtzig Minuten, immer noch 10.000 Zeichen, immer noch zwei fehlende Fotos. Gut, dann jetzt die Pressestelle.
Meine Publikation, sagt die Dame von der Pressestelle, sei ihr nicht bekannt, und bittet mich, ihr ein Exemplar zu schicken. “Sie haben am Erstverkaufstag eines auf ihrem Schreibtisch”, verspreche ich wider bisherige Erfahrungen mit dem Verlag. Sie ist gerade in Plauderlaune. Ob ich Blogger sei, will sie wissen, und ob ich andere Blogger kenne, ihr Chef habe sie zu einem Seminar zum Thema Blogrelations geschickt, und der erwarte jetzt natürlich, dass sie da etwas bewege. Ich verspreche ihr für später eine Liste mit den Influencer-Blogs zu den Themen ihres Unternehmens. Als das Gespräch endet, bleibt mir noch etwas mehr als eine Stunde. Für, immer noch, 10.000 Zeichen.
Jetzt klingelt mein Telefon. Der Redakteur ruft an, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Ich dürfe ihm meinen Artikel ruhig schon etwas früher schicken, meint er und schickt einen längeren Monolog hinterher. Von dem bekomme ich inhaltlich so gut wie nichts mit, weil ich mit zwischen Schulter und Kopf eingeklemmtem Hörer mit Höchstgeschwindigkeit tippe. Als er auflegt, stehe ich kurz vom Schreibtisch auf und ziehe den Telefonstecker aus der Wand. Dann schalte ich mein Smartphone aus, und nachdem ich einen letzten – auch wieder viel zu langen – Blick auf den Posteingang geworfen habe, schließe ich den E-Mail-Client. Vierzig Minuten, noch 8324 Zeichen – jetzt aber Vollgas!
Zeitdruck ist das Ergebnis von Entscheidungen
Es ist tatsächlich möglich, 8324 Zeichen innerhalb von vierzig Minuten in eine Textverarbeitung zu tippen, vorausgesetzt, der Aufbau des Beitrags steht bereits vorher fest, und alle Fakten sind recherchiert sowie ohne weiteres Suchen zugänglich. Allerdings bleibt bei diesem Zeitdruck weder Zeit zum Korrekturlesen, noch zum Nachdenken über die jeweils treffendste Formulierung. Ein Autor, der sich entscheidet, so zu arbeiten, wird deshalb wohl meist einige redaktionelle Bearbeitungen zu ertragen haben. Sich entscheidet? Ja, Zeitdruck ist eine Entscheidung – manchmal auch das Resultat einer Kette von Entscheidungen – , und mancher rechtfertigt sie damit, unter Druck besser und produktiver zu arbeiten.
1. Ich habe diesen Auftrag angenommen
Ich muss meine Miete bezahlen, Frau und Kinder schreien nach Brot, und das Auto fährt auch nicht mit Wasser – das sind alles gute Gründe dafür, dass ich diesen Auftrag angenommen habe. Auch die Sorge, mein Auftraggeber suche sich sonst andere Autoren, geht als guter Grund durch. Und trotzdem war es meine Entscheidung, diesen Auftrag anzunehmen, obwohl mir vielleicht klar war, dass es knapp werden könnte.
Die Honorare freier Journalisten stagnieren bei vielen Medien seit etlichen Jahren. Mancher meint, deshalb jeden Auftrag annehmen zu müssen, der gerade eben noch auskömmlich erscheint. In Wahrheit zementiert er damit die eigene Situation, und die anderer freier Journalisten gleich mit.
Die Konditionen dieses speziellen Auftrags schienen mir allerdings mehr als nur akzeptabel, versprach er doch ein um etwa 20 Prozent höheres Honorar pro Seite als üblich. Das grafiklastige Layout (um dessen genaue Ausgestaltung sich andere kümmern würden) ließ zudem nur eine um etwa ein Viertel geringere Textmenge pro Seite zu, als ich es gewohnt war. Aber, wie eigentlich immer, wenn etwas zu schön klingt, um wahr zu sein…
2. Ich habe mich nicht über die Arbeitsweise der (für mich neuen) Redaktion informiert
Die meisten Redaktionen arbeiten mit freien Mitarbeitern nach ähnlichen Modi zusammen: Sie beauftragen einen Beitrag in vorgegebenem Umfang und einem mehr oder weniger detailreich festgelegten Aufbau. Wenn der Freie zum vereinbarten Termin geliefert hat, redigiert der zuständige Redakteur den Beitrag, hinterfragt Fakten, die ihm fragwürdig erscheinen und bittet den Freien eventuell auch noch einmal um eine Nachbesserung.
Aber nicht diese Redaktion: Von der bekam ich Thema und Umfang genannt, und sollte dann innerhalb von 24 Stunden in einem sehr formalisierten Exposée skizzieren, wie ich mir den Aufbau vorstellte. Zu diesem Exposée schickte mir die Redaktion dann Anmerkungen und Anregungen, die ich in einen nächsten Entwurf einzuarbeiten hätte. Den nächsten Entwurf bekam ich einen Tag später mit neuen Anmerkungen zurück, den übernächsten noch einen Tag später, und so fort, der fünfte Exposée-Entwurf fand schließlich das Wohlgefallen der Redaktion. Bis dahin hatte ich in das Erstellen des Exposées schon mehr Zeit investiert als sonst in einen kompletten Beitrag.
Später werde ich aus Gesprächen mit anderen Freien erfahren, dass diese Arbeitsweise weder als Schikane gemeint ist, noch etwas mit der Qualität der eigenen Arbeit zu tun hat. Sie entspricht schlicht dem Standard-Workflow dieser Redaktion. Tatsächlich wird mir der für meinen Beitrag verantwortliche Redakteur eine weitere Zusammenarbeit vorschlagen. Scheitern wird die an der Frage, wie hoch ein dem Aufwand angemessenes Honorar aussehen muss.
3. Ich habe die Aufgaben, die mit dem Auftrag verbunden waren, nicht priorisiert
Das klingt unprofessionell, passiert aber alten Hasen häufiger als Einsteigern: Weil ich Aufträge dieser Art schon gefühlte hundert Mal erledigt hatte, verließ ich mich auf meine Routine. Viel sinnvoller wäre es gewesen, diejenigen Teilaufgaben an den Anfang zu stellen, zu deren Erledigung ich auf andere angewiesen war. In diesem Fall also das Interview samt Autorisierung und die Bildbeschaffung bei der Pressestelle. Teilaufgaben in der optimalen Reihenfolge anzugehen, hätte natürlich ebenfalls Bestandteil meiner Routine sein sollen. Weil Nachlässigkeiten darin in der Vergangenheit ungestraft geblieben waren, hatte ich das nicht so wichtig genommen.
4. Ich habe Ablenkungen zugelassen
Irgendwas war immer: Ein Urteil aus Karlsruhe, ein entführter Supertanker, ein Raketentest oder die Wiederentdeckung eines für ausgestorben gehaltenen Molchs. Jede dieser News betrachtete irgendein Redakteur als “breaking”, weshalb mein Smartphone den ganzen Tag gongte, piepste oder eine Fanfare ertönen ließ. So lange ich ungelesene Benachrichtigungen hatte, blinkte über seinem Display außerdem eine kleine Leuchte.
Als Journalist bin ich gern möglichst umfassend informiert. Aber in Echtzeit? Bei jeder Benachrichtigung unterbrach ich kurz meine Arbeit, warf einen Blick auf mein Smartphone und wenn das Thema mich näher interessierte, las ich oft gleich den ganzen Beitrag. Und wenn ich dann meine Arbeit fortsetzen wollte, musste ich erst den verlorenen Faden wiederfinden.
Den Telefonstecker ziehen, das Smartphone abschalten, den E-Mail-Client schließen, das sind nicht bloß Notfallmaßnahmen. Regelmäßig ablenkungsfreie Zeiten zu schaffen, wird meiner Produktivität später einen gewaltigen Schub verschaffen.
5. Ich habe Pausen “nach Gefühl” gemacht
In welchen Intervallen und wie lange ich Pausen gemacht habe, hing von meiner Tagesform ab. Mitunter konnte ich über Stunden ohne echte Pause durcharbeiten. An anderen Tagen unterbrach ich meine Arbeit öfter als RTL seine Vorabendserien. Genauer betrachtet, arbeitete ich aber auch in Zeiten “ohne echte Pause” nicht ununterbrochen. Ich las nebenher die Benachrichtigungen auf meinem Smartphone, behielt meine Twitter-Timeline im Auge, warf einen Blick auf meine Lieblings-Webcomics oder überschlug im Kopf die Differenz zwischen meinen ausstehenden Honoraren und der nächsten Einkommensteuervorauszahlung. Auf Neudeutsch: Ich betrieb Multitasking. Und damit verschärfte ich den Zeitdruck.
Wer den Fokus fest auf seine Aufgabe gerichtet halten will, dem helfen feste Pausen. Eine innere Stimme, die Lust auf Comics hat, lässt sich leichter beschwichtigen, wenn die nächste Pause feststeht. Mehrere Dinge gleichzeitig zu bewältigen, nimmt stets mehr Zeit in Anspruch, als sie nacheinander abzuarbeiten. Wer das nicht glaubt, den mag folgendes Experiment überzeugen:
- Aufgabe 1: Nennen Sie, so schnell Sie können, die Buchstaben von A bis J. Direkt danach zählen Sie ebenso schnell von eins bis zehn.
- Aufgabe 2: Nun nennen Sie, wieder so schnell wie möglich, erst einen Buchstaben, dann eine Zahl, von “A Eins” bis “J 10”.
Sie werden keine Stoppuhr benötigen, um festzustellen, dass Aufgabe 2 mehr Zeit beansprucht. Und das bei zwei eigentlich sehr simplen Aufgaben.
6. Ich habe zu niedrige Honorare verlangt
Neben unzureichender Organisation und unvollständigen Informationen basiert Zeitdruck oft auch auf zu viel Arbeit. Um bei einem Seitenhonorar von 100 Euro auf monatliche Einnahmen von 4.000 Euro zu kommen, muss ich arbeitstäglich zwei Seiten füllen. Bei 130 Euro sinkt die Arbeitslast um eine halbe Seite täglich.
Das Rechenbeispiel ist natürlich eine grobe Vereinfachung. Ein freier Journalist, der konsequent auf angemessenen Honoraren besteht, wird wahrscheinlich viele Auftraggeber verlieren. Lange Zeit bin ich der Logik gefolgt, mit schlecht bezahlten Aufträgen könne ich immerhin mehr Geld verdienen als ganz ohne. Wer aber Niedrigsthonorare akzeptiert, wird so viel arbeiten müssen, dass ihm keine Zeit für die besseren Auftraggeber bleibt. Oder für Weiterbildung. Oder für eigene Projekte, die vielleicht irgendwann ebenfalls Gewinn abwerfen könnten.
7. Ich habe ein Leben
Wer freiberuflich arbeitet, ist nicht an Bürozeiten gebunden, ihn schützt kein Arbeitszeitgesetz vor der täglichen Doppelschicht, und niemand nötigt ihn, seinen Jahresurlaub zu nehmen. Er hat gar keinen, es sei denn, er gibt sich selbst ein paar Tage frei. Wann der Arbeitstag beginnt und wann er endet, ist also eine Sache der persönlichen Entscheidung. Nun bin ich persönlich ein so großer Fan meiner Frau, dass ich sie sogar geheiratet habe – und da sollte ich dann schon auch gelegentlich Zeit mit ihr verbringen. Außerdem koche – und esse – ich gern, mag Gäste, und habe auch sonst mehr Dinge, die ich gern tue, als es die Zeit eines Workaholic zuließe. Also habe ich entschieden, keiner zu sein.
Zu dieser Entscheidung zu kommen, war ein langer, mitunter schmerzhafter Prozess, aber irgendwann wissen meine Auftraggeber, dass sie ihre Rufnummer unterdrücken müssen, um mich nach 18:00 Uhr zu erreichen, und dass sie dann meist mit einem “Du, ist gerade schlecht, ich rufe dich morgen früh zurück”, abgewimmelt werden. Wenn ich davon für neue Auftraggeber eine Ausnahme machte, wäre es mit den geregelten Arbeitszeiten schnell wieder vorbei. Also ist in den vergangenen Tagen trotz Exposée-Terror um 18:00 Uhr Schicht gewesen, und die täglich mit Freizeit verbrachte Zeit von 18:00 Uhr bis Mitternacht fehlt dann natürlich kurz vor der Deadline.
Fazit: Arbeiten ohne Zeitdruck ist nicht nur eine Sache der Effizienz
Selbstorganisation – das Priorisieren der Aufgaben, feste Pausenzeiten und das Eliminieren von Ablenkungen – sind schon die halbe Miete. Aufträge abzulehnen, und die Zusammenarbeit mit Auftraggebern aufzukündigen, bei denen der Aufwand den Ertrag übersteigt, schaffen Freiräume. Und dann lässt sich auch die Entscheidung für ein Leben jenseits des Arbeitens erheblich leichter umsetzen. Situationen wie die eingangs geschilderte sollen auch später noch von Zeit zu Zeit auftreten – aber nur noch ein oder zwei Mal im Jahr. Denn es wird immer irgendetwas geben, mit dem niemand gerechnet hat. Es soll ja auch nicht langweilig werden.
Medien-Trendmonitor 2017: Journalisten sorgen sich um Glaubwürdigkeit und ignorante Pressesprecher
Die Haltung von Journalisten zu ihrer Arbeit stand im März 2017 im Mittelpunkt einer Online-Befragung, für die news aktuell und Faktenkontor insgesamt 1.740 Journalisten gewinnen konnten. Jetzt haben die Initiatoren die Ergebnisse im Medien-Trendmonitor 2017 vorgestellt.
Eine absolute Mehrheit von 57 Prozent zählte den Faktor Glaubwürdigkeit zu den drei größten Herausforderungen des gegenwärtigen Journalismus, gefolgt von Fake News und der Sorge um die journalistische Unabhängigkeit, die je 29 Prozent der Befragten nannten. Genervt sind Journalisten aber nicht nur von Lügenpresse-Rufen: Mehr als die Hälfte der befragten Medienmacher ärgern sich am meisten, wenn Kommunikationschefs auf Anfragen nicht reagieren. Deutlich weniger Kopfzerbrechen bereitet Journalisten gegenwärtig der Roboter-Journalismus: Von acht Prozent der Befragten genannt, nimmt er den vorletzten Platz unter den Herausforderungen ein.
Im guten Mittelfeld rangiert die Sorge um digitale Erlöse, die immerhin jeder vierte Journalist nannte. Rund 42 Prozent der Befragten favorisieren ein Freemium-Modell, bei dem die Leser nur für einen Teil der Beiträge zur Kasse gebeten werden. Allerdings sind 18 Prozent inzwischen der Meinung, mit Paid Content seien keine maßgeblichen Gewinne zu erwirtschaften.
Ein gespaltenes Verhältnis bescheinigt der Medien-Trendmonitor den Journalisten beim Einsatz von Social Media: Noch immer verzichten neun Prozent gänzlich auf soziale Netzwerke, 55 Prozent setzen sie hauptsächlich zur Recherche ein, und jeweils knapp die Hälfte der Befragten gab an, dort andere Journalisten (49 Prozent) und Politiker (48 Prozent) zu beobachten. Kaum eine Bedeutung für Journalisten hat Snapchat: Während nur zwei Prozent angaben, Snapchat regelmäßig bei der Arbeit zu nutzen, nannten satte 68 Prozent Facebook. Auch nur noch jeder vierte Journalist nutzt das Business-Netzwerk Xing regelmäßig.