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Prebunking: Hilft Denken gegen gefühlte Wahrheiten?

Nicht Fake News sind das Problem, sondern Menschen, die solchen Geschichten Glauben schenken. Nur: Selbst Qualitätsmedien verbreiten mitunter Falschmeldungen, während übelste Verschwörungsmystiker manchmal richtig liegen. Wer nicht selbst Zugang zu den Ursprungsquellen hat (und das dürfte auf eine deutliche Mehrheit zutreffen), muss vertrauen. Aber wem? Die Google-Tochter Jigsaw hat eine Kampagne gestartet – Prebunking –, die Menschen gegen Manipulationsversuche sensibilisieren soll. Ob der Erfolg dieser Kampagne nachhaltig ist? Ich habe Zweifel.

Immerhin, die Absicht ist edel, und wer das Muster, nach dem viele Manipulationsversuche gestrickt sind, vor Augen geführt bekommen hat, fällt zumindest in der nächsten Zeit nicht mehr so leicht darauf herein. Prebunking nennt Jigsaw seine Kampagne.

Prebunking hilft – erstmal

Das sei „eine wissenschaftlich erforschte Kommunikationstechnik, die Nutzerinnen und Nutzern dabei hilft, künftige Versuche, sie mit falschen Informationen zu manipulieren, zu erkennen und zurückzuweisen. Dies trägt dazu bei, die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft gegen Desinformation und entsprechende Narrative und Manipulationstechniken zu erhöhen.“

Die Kampagne soll vor allem hierzulande verbreitete Taktiken vorstellen, etwa das Zeigen bewusst aus dem Kontext gerissener Videos oder Fotos. Kurze Videoclips sollen erklären, wie Fake News aufgebaut sind, und mit welchen Fallen die Manipulatoren arbeiten. Die Clips werden als Pre-Roll oder andere Anzeigenformate auf Social-Media-Plattformen gezeigt, voraussichtlich unter anderem auf YouTube, Facebook und TikTok.

Vor Deutschland hat Jigsaw mit seiner Prebunking-Initiative bereits in Polen, Tschechien und der Slowakei Erfahrungen gesammelt – mit teils ermutigenden Ergebnissen. Tests ergaben, dass unter denen, die eines der Prebunking-Videos gesehen hatten, die Zahl derer, die manipulative Fake News als solche erkennen konnten, um acht Prozent höher lag als in einer Kontrollgruppe.

Was die Tests nicht belegen konnten, war, ob sich mit der Fähigkeit, Fake News zu erkennen, der Glaube an die Inhalte verändert hatte. Prebunking packt Nutzer bei ihrem Intellekt. Hassbotschaften packen Nutzer bei ihren Emotionen. Und wenn die zwei in unterschiedliche Richtungen wollen, übernehmen (fast) immer die Emotionen das Ruder.

Natürlich wünsche ich der Prebunking-Kampagne Erfolg. Ich hoffe das Beste. Aber ich befürchte das Schlimmste.

Die neuen Automatenfotos: Wie gefährlich sind AI-generierte Bilder?

Künstliche Intelligenz, kurz AI, beschäftigte einst vor allem die Phantasie von Science-Fiction-Autoren. Doch längst hat sich AI in unserem Alltag breitgemacht. Welche Filme uns Netflix vorschlägt, mit welchen Suchergebnissen uns Google versorgt, bei welchem Streckenverlauf wir wohl am wenigsten Treibstoff verbrauchen, darüber befindet künstliche Intelligenz. Und auch unsere Berufswahl beeinflusst sie. Ob Grafikdesigner noch eine Zukunft haben?

Zuletzt hatte die KI von Midjourney von sich reden gemacht, die auf die Aufforderung hin, das letzte Selfie auf Erden zu zeigen, ein recht dystopisches Bild vom Ende der Menschheit zeichnete. Nun wird kein Grafiker arbeitslos, weil eine künstliche Intelligenz eine Weltuntergangsprognose abgibt.

Dieses Bild stammt nicht aus den Nachrichten, sondern aus der KI von Nightcafé

Die Gefahr lauert eher darin, dass AI-generierte Bilder genau das zeigen, was sich die Anwender der KI wünschen. Im harmlosesten Fall sind das Illustrationen für Bücher, Zeitschriften oder Online-Beiträge, wie diesen (alle Bilder in diesem Beitrag stammen von der KI, die Nightcafé nutzt). Im schlimmsten Fall erzeugen KIs Deepfakes auf einem nie gekannten Level, die auch vom geschulten Auge nicht mehr von der Realität unterschieden werden können.

Diese “ehrenwerte Gesellschaft” hat ebenfalls eine KI aus dem Hut gezogen.

1938 löste Orson Welles Hörspiel “Krieg der Welten” gelinde Panik aus, weil die Hörer die in Form einer Rundfunkreportage geschilderte Invasion aus dem All für bare Münze nahmen. Die Panik legte sich schnell wieder, weil CBS natürlich kein Interesse daran hatte, die Bevölkerung dauerhaft in Angst und Schrecken zu halten. Was aber, wenn eine KI (oder jemand, der sie kontrolliert) genau das will?

Es mag sein, dass Verfahren der künstlichen Intelligenz so etwas heute noch nicht leisten können, aber die Entwicklung verläuft derzeit rasant. Illustratoren und andere Kreative spüren in jedem Fall bereits jetzt steigenden Konkurrenzdruck.

“Fox and Rabbit in love” – eine Kinderbuch-Illustration aus der KI

Und nun? Zugegeben, ich habe keine Ahnung. Die Büchse der Pandora ist offen, AI-generierte Bilder werden sich, ohne dass die meisten von uns es bemerken, immer häufiger in unseren Alltag schleichen. Und auch in journalistische Beiträge. Mir hat einmal jemand gesagt “Ich glaube nur, was ich sehe.” Davon würde ich dringend abraten.

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Facebook beginnt, strittige Meldungen zu kennzeichnen

In den USA hat Facebook offenbar damit begonnen, strittige Meldungen mit einem Fake-News-Hinweis zu versehen. Das meldet unter anderem Gizmodo. Mutmaßlich unwahre Behauptungen sollen so von den Nutzern leichter zu identifizieren sein.

Der Hinweis besteht aus einem weißen Warndreieck auf rotem Grund, gefolgt vom Schriftzug “Disputed by” und den Namen der Fact-Checking-Organisationen, die die Meldung für unwahr halten. Nach den Richtlinien von Facebook erscheint der Fake-News-Hinweis nur unter Meldungen, die von mindestens zwei der beauftragten Faktenprüfer als falsch betrachtet werden.

In Aktion treten die Faktenprüfer im übrigen nicht von sich aus, sondern erst, nachdem entweder andere Nutzer einen Beitrag als Fake News gemeldet haben oder ein von Facebook entwickelter Algorithmus Unstimmigkeiten entdeckt hat. Bei den von Gizmodo entdeckten Meldungen dürfte der Faktencheck nicht all zu aufwändig gewesen sein: Beide stammen von Satire-Websites, die ohnehin ausschließlich fiktionale Inhalte veröffentlichen.

Umfrage: Bundesbürger wollen Meldesystem, Lösch- und Sperrpflichten

Falschmeldungen, die bewusst gestreut werden, um die öffentliche Meinung zu manipulieren, stoßen in Deutschland auf wenig Gegenliebe: Das zeigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalbranchenverbands Bitkom unter 1.009 Personen ab 14 Jahren.

[aesop_image imgwidth=”content” img=”https://netknowhow.de/wp-content/uploads/2017/02/umfrage-fake-news.jpg” align=”center” lightbox=”on” caption=”Grafik: Statista auf Basis einer Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom” captionposition=”left” revealfx=”off”]

Eine deutliche Mehrheit der Befragten spricht sich darin für ein hartes Durchgreifen aus: 88 Prozent wünschen sich eine Möglichkeit, Betreiber sozialer Netzwerke auf Falschmeldungen hinzuweisen, 87 Prozent erwarten von den Betreibern selbst strengere Prüfungen und bei Bedarf ein zeitnahes Löschen, und deutliche 91 Prozent schließen sich der Forderung an, notorische Verbreiter von Fake News zu sperren. Die Notwendigkeit, vor dem Löschen von Beiträgen einen richterlichen Beschluss einzuholen, sieht dagegen nicht einmal jeder vierte Umfrageteilnehmer, und gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer stimmt der Aussage zu, eine Demokratie müsse Falschmeldungen aushalten können.

Geheimdienstbericht: Keine Beweise für Fake-News-Kampagne aus Russland

Dass die russische Regierung versucht, die öffentliche Meinung in Deutschland zu manipulieren, lässt sich nicht zweifelsfrei beweisen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die die deutschen Geheimdienste über knapp ein Jahr durchgeführt haben, wie die Tagesschau unter Berufung auf Recherchen des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung berichtet.

Der Geheimdienstbericht selbst bleibt geheime Verschlusssache. Dem Medienbericht zufolge sei es ursprünglich beabsichtigt gewesen, ihn in Teilen zu veröffentlichen. Ohne schlüssige Beweise für eine gezielte, von der russischen Regierung betriebene Desinformationskampagne sei eine solche Veröffentlichung aber nicht sinnvoll, und belaste zudem das ohnehin zuletzt angespannte Verhältnis zum Kreml.

Entwarnung wollen die Geheimdienste deshalb aber nicht geben. Dass keine Beweise zu finden seien, entlaste Russland nicht unbedingt. Es sei ebenso gut denkbar, die verantwortlichen Dienste seien schlau genug, sich nicht erwischen zu lassen.

CrossCheck: Google News Lab und First Draft gründen Faktencheck-Partnerschaft

CrossCheck heißt die Initiative, die das Google News Lab gemeinsam mit dem Non-Profit-Projekt First Draft ins Leben gerufen hat. Ziel der Inititiative ist es, im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahlen Falschmeldungen, Gerüchte und unwahre Behauptungen zu widerlegen und irreführende oder konfuse Berichte verständlich wiederzugeben. David Dieudonné, der das News Lab in Paris leitet, erklärt, die Initiative wolle den französischen Wählern in den kommenden Monaten helfen, sich darüber klar zu werden, wem und welchen Geschichten sie vertrauen können, wenn sie soziale Medien nutzen, im Web suchen oder Online-Nachrichtenangebote konsumieren.

Die Inititative konnte eine Reihe von Medienpartnern gewinnen. Dazu gehören bislang die AFP, BuzzFeed News, France Médias Monde, France Télévisions, Global Voices, Libération, La Provence, Les Echos, La Voix du Nord, Le Monde, Nice-Matin, Ouest-France, Rue89 Bordeaux, Rue89Lyon, Rue89 Strasbourg, Storyful und StreetPress. Deren Journalisten suchen und überprüfen Fotos, Videos, Memes, Kommentarfolgen und Nachrichten-Websites, die im öffentlichen Raum kursieren. Die Partner verwenden die Rechercheergebnisse dann in eigenen Texten, TV-Beiträgen und Social-Media-Inhalten.

“Fake News” ist Anglizismus des Jahres 2016

Zum Anglizismus des Jahres hat die Jury der gleichnamigen Initiative für das vergangene Jahr 2016 den Begriff Fake News gekürt. Auf den Plätzen zwei bis vier folgen Darknet, Hate Speech und Brexit (letzeres zusammen mit dem allgemeineren Anhängsel -exit).

Obgleich der Begriff Fake News bereits länger im deutschsprachigen Raum in Verwendung ist, so die Begründung der Jury, lasse sich ein Durchbruch ab November 2016 beobachten. Seitdem habe sich die Bedeutung von bewusst lancierten Falschmeldungen im allgemeinen zu politisch motivierten Falschmeldungen im speziellen verschoben. Im allgemeinen Sprachgebrauch diene das Wort inzwischen hauptsächlich zur Diskreditierung von Meldungen, die nicht in das eigene Weltbild passen. Überzeugt habe die Jury an Fake News neben seiner überwältigenden und anhaltenden öffentlichen Präsenz vor allem, dass es eine Lücke im deutschen Wortschatz fülle, die ohne das Wort fake nicht ganz einfach zu schließen sei.

Die unabhängige Initiative Anglizismus des Jahres würdigt seit 2010 jährlich den positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung des deutschen Wortschatzes. Bisherige Anglizismen des Jahres waren leaken (2010), Shitstorm (2011) und Crowdfunding (2012), -gate (2013), Blackfacing (2014) und Refugees Welcome (2015).

Gründer der Initiative „Anglizismus des Jahres“ und Vorsitzender der Jury ist Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Zur Jury gehören außerdem die Anglistin Susanne Flach (Freie Universität Berlin), die Germanistin Dr. Kristin Kopf (Universität Mainz) sowie Dr. Alexander Geyken (Leiter des „Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften) und Dr. Lothar Lemnitzer (ebenfalls Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).

APA entwickelt Tool, um die Herkunft von Nachrichten zu beurteilen

Für Journalisten ist es eine Frage der Arbeitsökonomie, sich nicht lange mit Informationen zu beschäftigen, die aus unzuverlässigen Quellen stammen. Die österreichische Presseagentur Austria Presse Agentur (kurz APA) arbeitet deshalb derzeit an einem Werkzeug, mit dessen Hilfe sich das Zustandekommen von Nachrichtenthemen technisch beurteilen lässt, wie der Standard berichtet.

In die Beurteilung sollen die Quellen einer Nachricht ebenso einfließen wie Informationen darüber, wer diese Nachricht in den sozialen Netzwerken geteilt hat. Über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt der Nachricht wird das Tool aber nicht urteilen können. Derzeit debattieren die am Projekt beteiligten, in welcher Form das Tool Hinweise auf die Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit einer Nachricht bieten soll. Für die breite Öffentlichkeit will die APA das Werkzeug allerdings nicht zur Verfügung stellen, es soll lediglich innerhalb von Redaktionen zum Einsatz kommen.

Alternative Fakten: Regierung Trump löst globales Umdenken aus

Bei der harschen Kritik an der Berichterstattung zur Amtsübernahme des US-Präsidenten Donald Trump hat Trumps Sprecher Sean Spicer nicht gelogen, und auch keine falschen Tatsachenbehauptungen aufgestellt. Stattdessen hat er, wie Trumps Beraterin Kellyanne Conway erläuterte, “alternative Fakten” präsentiert. Inzwischen hat diese Sicht der Dinge global – nicht zuletzt auch in Deutschland – zu einer radikalen Neubewertung der Faktenlage geführt:

Zu den ersten, die das neue Denken hierzulande verinnerlicht haben, gehörten die Social Media-Beauftragten der viel gescholtenen Deutschen Bahn:

Was die Bahn zu Julian SBs Idee meint, seine persönlichen Transportkosten mit Hilfe alternativer Fakten zu reduzieren, war indes nicht zu erfahren:

Marco Arni nutzt die Trumpsche Denkschule, um das aktuelle Klima für alle unter der Kälte leidenden erträglicher zu gestalten:

Netflix hat sein Bild von seinen als Binge-Watchern verschrienen Zuschauern mit dieser Methode ebenfalls revidieren können:

Frank Überall entledigt sich indessen dauerhaft aller finanziellen Sorgen:

Und Broccolialternative startet dank des neuen Denkens in den Tag wie nie zuvor:

https://twitter.com/SaschaTee/status/823766307778756609

Eines steht in jedem Fall fest: Für Journalisten wird die Recherche in Zukunft erheblich einfacher werden. Von Trump lernen heißt siegen lernen.

Correctiv unterstützt Facebook im Kampf gegen Fake News – vorerst gratis

Facebook gibt dem internationalen Druck nach und forciert Bemühungen, Fake News – also bewusst lancierte Falschmeldungen – auf seiner Plattform kenntlich zu machen. In den USA kooperiert Facebook dazu mit Organisationen wie ABC News, FactCheck.org, Associated Press, Snopes und Politifact, in Deutschland hat sich das soziale Netzwerk die Unterstützung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv gesichert. Dessen Geschäftsführer David Schraven hat sich zur Art der Kooperation bereits auf Facebook geäußert:

Nutzer erhalten künftig die Möglichkeit, Beiträge als Falschmeldung zu kennzeichnen. Correctiv hat die Aufgabe, oft geteilte, aber mehrfach als Falschmeldung gekennzeichnete Beiträge zu prüfen. Handelt es sich nach Überzeugung der Faktenchecker um Fake News, werden die Beiträge mit einem Warnhinweis gekennzeichnet und um einen Link ergänzt, unter dem die Behauptungen den recherchierten Tatsachen gegenüber gestellt werden – die Fake News verschwinden also nicht, unvoreingenommene Leser werden aber auf deren zweifelhafte Glaubwürdigkeit aufmerksam.

Schon kurz nach der Bekanntgabe finden sich zu Hauf Zensurvorwürfe als Kommentare unter den Ankündigung. Das sieht man bei Correctiv, deren Rechercheergebnisse in mehr als einem politischen Lager für Ärger gesorgt haben, allerdings entspannt:

[aesop_quote type=”block” background=”#a0a0a0″ text=”#000000″ width=”content” align=”left” size=”1″ quote=”Zensur ist, wenn der Staat Deine Meinung unterdrückt. Keine Zensur ist es, wenn wir Dir sagen, dass Du Unsinn erzählst, wenn Du Unsinn erzählst. ” parallax=”off” direction=”left” revealfx=”off”]

Kein Geld für den Faktencheck

Aber auch nicht jeder, der grundsätzlich mit den Zielen von Correctiv sympathisiert, betrachtet die Kooperation mit Facebook als Adelung für das Recherchenetzwerk. Einen schalen Beigeschmack hat insbesondere eine Passage in Schravens Ankündigung;

[aesop_quote type=”block” background=”#a0a0a0″ text=”#000000″ width=”content” align=”left” size=”1″ quote=”In dieser Phase fließt kein Geld für das FactChecking. Auch hier müssen wir langfristig sehen, welche Finanzierungsformen es gibt. Es wird schwer werden, das Geld unserer Spender dafür auszugeben, Facebook zu heilen. ” parallax=”off” direction=”left” revealfx=”off”]

Correctiv finanziert sich vor allem durch Spenden von Bürgern und Zuwendungen von Stiftungen. Die Unterstützer des Recherchenetzwerks bezahlen also dafür, die Probleme zu lösen, die auf der Plattform eines der reichsten Konzerne der Welt aufgetreten sind (allein im dritten Quartal 2016 hat Facebook einen Gewinn von 2,38 Milliarden Dollar erwirtschaftet).

Das mag dem Selbstverständnis der Initiatoren von Correctiv entsprechen, die so die wirtschaftliche – und damit letztlich auch ihre journalistische – Unabhängigkeit des Recherchenetzwerks wahren. Nicht alle Förderer dürften damit einig gehen.

So findet sich unter Schravens Beitrag auch Kommentare wie der folgende:

[aesop_quote type=”block” background=”#a0a0a0″ text=”#000000″ width=”content” align=”left” size=”1″ quote=”Leute, wenn ihr euer Geld in FB steckt, dann bin ich nicht länger Mitglied bei euch.” cite=”Facebook-Nutzerin ‘Miri Te'” parallax=”off” direction=”left” revealfx=”off”]

Geschäftsführer Schraven bezeichnet die zunächst unentgeltliche Arbeit für Facebook denn auch als “Betatest”, in einigen Wochen werde entschieden, wie es mit dieser Arbeit weitergeht.

Breaking News oder Fake News? Teil 1: Die Quelle prüfen

Als der Postillon titelte “Zu teuer und zu ineffizient: Regierung stellt umstrittenes Chemtrail-Programm ein”, hätte der Verfasser wohl nicht erwartet, dass sein Artikel Verschwörungstheoretikern als glaubwürdiger Beleg dienen würde. Anders sah es bei Bundesinnenminister Thomas de Maizière aus, der im vergangenen Sommer Ärzten pauschal vorwarf, mit Attesten Abschiebungen zu verhindern, und den Vorwurf mit einer aus sehr dünnen Fakten frei interpolierten Statistik zu belegen versuchte.

Fake News sind überall: In den sozialen Netzwerken, in mehr oder weniger anonymen Blogs, im Mund von Politikern aller Couleur, und immer wieder finden sie auch den Weg in die Berichterstattung der etablierten Medien. Mal dienen sie der politischen Stimmungsmache (wie oben, aber zum Beispiel auch im Fall des angeblich vor dem Berliner Lageso gestorbenen Asylanwärters),

mal sollen sie religiöse Überzeugungen befeuern oder konterkarieren (wie die Meldung über den angeblichen Fund von Überresten einer altägyptischen Armee im Roten Meer),

manchmal entspringen sie wohl auch einfach nur einer überbordenden Fantasie (wie die Geschichte über einen jungen Mann, in der behauptet wird, er habe auf einer Poolparty ins Schwimmbecken ejakuliert und dabei 16 weibliche Teenager geschwängert).

Unglaubwürdige Quelle = unglaubwürdige Nachricht

Dass der Postillon keine seriöse Nachrichtenquelle ist, sollte jedem geistig gesunden Menschen klar werden, der sich länger als nur ein paar Sekunden auf der Website umsieht. Auch in den dortigen FAQ heißt es:

[aesop_quote type=”block” background=”#c0c0c0″ text=”#000000″ align=”center” size=”1″ quote=”… alles, was im Postillon steht, ist Satire und somit dreist zusammengelogen. Alle auftauchenden Charaktere sind fiktional, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig…” parallax=”off” direction=”left” revealfx=”off”]

Dennoch gehen mitunter auch seriöse Medien wie der MDR der Spaß-Postille auf dem Leim.

Das selbe gilt auch für Worldnewsdailyreport.com, wo von der im Roten Meer entdeckten pharaonischen Armee zu lesen war. In dessen Disclaimer ist zu lesen:

[aesop_quote type=”block” background=”#c0c0c0″ text=”#000000″ align=”center” size=”1″ quote=”… WNDR assumes however all responsibility for the satirical nature of its articles and for the fictional nature of their content. All characters appearing in the articles in this website – even those based on real people – are entirely fictional and any resemblance between them and any persons, living, dead, or undead is purely a miracle…” parallax=”off” direction=”left” revealfx=”off”]

Zugegeben, die Seitenbetreiber haben sich große Mühe gegeben, die Tonalität echter Nachrichten zu treffen, und bei oberflächlicher Sichtung der Themen könnte ein Leser die Website für ein gewöhnliches Boulevard-Medium halten. Aber auch gewöhnliche Boulevard-Medien sind nicht per se glaubwürdige Quellen.

[aesop_content color=”#000000″ background=”#f5f6ce” width=”content” columns=”1″ position=”none” imgrepeat=”no-repeat” floaterposition=”left” floaterdirection=”up” revealfx=”off”]

Herausfinden, wer oder was hinter einer Website steckt

  • Hat die Website ein vollständiges, inhaltlich glaubwürdiges Impressum?
  • Wenn es sich um eine .de-Website handelt: Wen nennt Denic.de als Domaininhaber?
  • Welche Informationen liefert Google zum Domaininhaber/inhaltlich Verantwortlichen?
  • Was verrät Google Street View über die Adresse, die im Impressum genannt ist?
  • Welche Beiträge sind sonst noch in der Online-Publikation zu finden?
  • Weisen das Impressum, eine FAQ oder ähnliches auf einen fiktionalen Charakter hin?
  • Verweist die Website auf zugehörige Social Media-Auftritte? Was ist dort zu finden?
  • Ist eine telefonische Kontaktaufnahme möglich? Kann der Gesprächspartner Detailfragen glaubwürdig beantworten?

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Soziale Medien: Die besten Augenzeugen und die schlimmsten Lügner

Im Januar 2009 veränderte ein einzelner Tweet die Überzeugungen vieler Journalisten, was die Macht sozialer Medien und ihre Bedeutung für die Berichterstattung betrifft. Ein Mann namens Janis Krums twitterte dieses Foto:

http://twitpic.com/135xa

Das Foto zeigt den im Hudson River notgewasserten Airbus A 320 von US-Airways-Flug 1549 – in einer Unmittelbarkeit und zeitlichen Nähe zum Ereignis, die keines der etablierten Medien hätte leisten können. Das hinderte letztgenannte freilich nicht daran, obiges Foto in ihrer Berichterstattung zu verwenden.

So mancher verspürt seitdem das Bedürfnis, sich mit Hilfe mehr oder weniger spektakulärer Meldungen in sozialen Netzwerken seine persönlichen fünfzehn Minuten Ruhm zu sichern. Die spektakulären Bilder dazu sind nicht selten von anderen Websites geklaut, die dazu passenden Meldungen komplett ausgedacht. Manchem Verfasser gelingt es dabei, den bei Journalisten sehr ausgeprägten Mann-beißt-Hund-Reflex zu bedienen.

[aesop_content color=”#000000″ background=”#f5f6ce” width=”content” columns=”1″ position=”none” imgrepeat=”no-repeat” floaterposition=”left” floaterdirection=”up” revealfx=”off”]

Social Media-Nutzer unter der Lupe

  • Wie lange existiert das Twitter-/Facebook-Konto bereits? (Das Beitrittsdatum findet sich bei beiden Diensten im Profil, unterhalb des Nutzerfotos)
  • Handelt es sich um ein verifiziertes Nutzerkonto? (Erkannbar an einem weißen Häkchen auf blauem Grund neben dem Nutzernamen)
  • Entspricht die Meldung in Sprache und Stil den anderen Beiträgen des Nutzers? (Ein Wechsel zwischen sorgfältiger und nachlässiger Rechtschreibung zum Beispiel sollte aufmerken lassen)
  • Auf welchen anderen Social Media-Plattformen ist der Nutzer aktiv? Was schreibt er dort?
  • Und auch hier wieder:

  • Ist eine telefonische Kontaktaufnahme möglich? Kann der Gesprächspartner Detailfragen glaubwürdig beantworten?

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Ehrlichkeit: Für Politiker keine Schlüsselqualifikation

Wie sieht es aber aus, wenn die Quelle der Innenminister der Bundesrepublik Deutschland ist? Dass Spitzenpolitiker immer die Wahrheit sagen, widerspräche jeder Erfahrung: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!”, wird Walter Ulbricht, 1961 DDR-Staats- und Parteichef, oft zitiert. Eine glatte Lüge war wohl auch die Behauptung des damaligen britischen Premiers Tony Blair im März 2002 gegenüber der Öffentlichkeit, er beabsichtige keine britische Beteiligung an einem möglichen Irak-Krieg. Dem US-Außenminister Colin Powell hatte er da bereits seine Unterstützung zugesagt. Gegen solche Lügen ist eine weitgehend erfundene Statistik zu ärztlichen Attesten in der Tat ein Kavaliersdelikt – und dennoch ein weiterer Beleg für die Regel “Ein Politiker ist keine glaubwürdige Quelle!”

Was also tun, wenn ein Politiker eine Tatsachenbehauptung aufstellt, die neu, wichtig und interessant zu sein scheint? Im Fall der vom Minister genannten Statistik haben die Redakteure von MDR aktuell das Naheliegendste getan: Sie haben im Ministerium nachgefragt, auf welche Datenbasis der Minister seine Aussage gestützt habe. So viel Enthüllungsjournalismus geht immer.

Eine Quelle ist eine Quelle zu wenig

So manche Fake News fällt schon bei einem genaueren Blick auf die Quelle in sich zusammen. Selbstverständlich sagen auch die notorischsten Lügner von Zeit zu Zeit die Wahrheit. Schon aus Gründen der Arbeitsökonomie stellt ein Journalist aber schnell die Arbeit ein, wenn sich seine einzige Quelle als extrem unzuverlässig herausstellt. Aber auch wenn die Quelle an sich einem kritischen Blick standhält, kann eine Geschichte weit entfernt von der Wahrheit sein. Lässt sich eine Geschichte nicht durch eine zweite, von der ersten völlig unabhängige Quelle bestätigen, bleibt sie zweifelhaft, wenn sie sich nicht auf anderem Weg – etwa durch persönliches In-Augenschein-Nehmen – belegen lässt.

Wie sich Inhalte – unabhängig von ihrer Quelle – verifizieren, oder eben falsifizieren lassen, darum wird es im nächsten Beitrag dieser Reihe gehen.