Nicht nur in akuten Ausnahmesituationen, auch im medialen Alltag kann eine Karte oft als Grundlage eines Beitrags dienen oder seinen Informationswert erhöhen. Hier eine Auswahl, die zeig, wie unterschiedlich Onlinemedien Karten nutzen:
Zeit Online: Die Serie “Deutschlandkarte”
Wo gibt es das beste Eis? Wo wird in Deutschland Kaffee geröstet? Wie viele Einwohner pro Metalband gibt es in einer Region? Solche Fragen beantworten die Kartografen der Zeit-Serie Deutschlandkarte. Die Karten sind themenabhängig grafisch gestaltet, mal interaktiv und mal bloß zum Anschauen.
Spiegel Online: Orte der Schande
Gewalt gegen Flüchtlinge dokumentiert die Spiegel Online-Karte Orte der Schande. Die interaktive Karte zeigt, wo es zu Übergriffen gekommen ist – von Steinwürfen gegen Unterkünfte bis hin zu Brandstiftung und anderen Mordversuchen reicht die Palette. Beim Anklicken einer Ortsmarke erscheinen Details zu den dort registrierten Übergriffen. Erstellt wurde die Karte mit Hilfe des Dienstes Mapbox.
Stern Online: Massenschießereien in den USA 2016
Das Jahr 2016 ist erst zur Hälfte herum, doch die Karte, auf der die Massenschießereien dieses Jahres in den USA verzeichnet sind, ist schon ziemlich voll. Als Massenschießerei gilt jeder Schusswechsel, bei dem vier oder mehr Personen zu Schaden kommen. Der Stern nutzt den Dienst Carto zur Kartierung der Vorfälle, das Zahlenmaterial stammt von der Organisation Mass Shooting Tracker.
Welt Online: Karte der Länder, die Boris Johnson schon beleidigt hat
Anlässlich der Ernennung von Boris Johnson zum britischen Außenminister hat der Independent sich die Mühe gemacht, all die Länder zu kartieren, gegen die Johnson in der Vergangenheit verbal ausfällig geworden war. Die Anregung hat die Welt aufgegriffen – nicht originell, aber unterhaltsam.
Time Magazine: America’s Wealth Map
Dass der Wohlstand in den USA sehr ungleich verteilt ist, war schon vorher bekannt. Das Time Magazin hat mit der interaktiven und wohl mit einigem Aufwand programmierten Karte America’s Wealth Map deutlich gemacht, dass sich diese Ungleichverteilung auch geographisch bemerkbar macht.
RuhrNachrichten: Hier wird in Dortmund geblitzt
Wo in Dortmund mit Geschwindigkeitskontrollen zu rechnen ist, verraten die Ruhrnachrichten in dieser auf Google Maps basierenden interaktiven Karte, die täglich aktualisiert wird. Das ist ein der regionalen Ausrichtung der Publikation angemessener Leserservice.
Der Aufwand, solche Karten zu erstellen, variiert deutlich: Während die Karte des Time Magazine einiges an Programmieraufwand erfordert haben dürfte, stehen für Karten wie die aus dem Online-Angebot des Stern oder aus den Ruhrnachrichten bereits einfach zu handhabende Werkzeuge bereit.
Sie sind die ultimative Herausforderung für jede Redaktion, die in Echtzeit berichtet: Flut- oder Feuerkatastrophen, Terroranschläge wie die von Paris und Nizza, oder ein Amoklauf wie der von München. Echte und vermeintliche Augenzeugen melden sich in den sozialen Medien zu Wort, Ummengen von Fotos und Videos tauchen auf, darunter mischen sich Spekulationen und Schuldzuweisungen, politische Forderungen – und immer auch Hinweise auf weitere Schreckensereignisse. Während des Ereignisses bleibt nur ein Minimum an Zeit, diese Informationen zu veri- oder falsifizieren. Was den Redakteuren bleibt, ist der Konjunktiv, verbunden mit einem klaren Hinweis auf die unklare Quellenlage.
In Situationen, in denen sich Bedrohungen geografisch zuordnen lassen, können Redaktionen mit verlässlichen, zeitnah aktualisierten Onlinekarten aber auch Leben retten:
Auch auf der Karte kann der Redakteur zwischen gesicherten und ungesicherten Informationen unterscheiden – durch die Wahl der entsprechenden Ortsmarke. Während des Amoklaufs in München wurden Schießereien vom Stachus, vom Tollwood-Festival und aus der Nähe des Redaktionsgebäudes der Abendzeitung gemeldet. An keinem dieser Orte waren tatsächlich Schüsse gefallen – aber kein Redakteur hatte die Möglichkeit, die Information minutenschnell zu prüfen.
Nicht auf die potentielle Gefahr hinzuweisen, hätte sich verboten. Aber eine Falschmeldung als Tatsache zu kolportieren, wäre ebenfalls keine Option gewesen (es sei denn, die Publikation richtet sich an ein spezielles Publikum, dem überprüfte Fakten egal sind). Auch wenn Redakteure der alten Schule es hassen: Das Fragezeichen war ein der Situation angemessenes Symbol.
Online-Publikationen, deren Redaktionssystem keine eigene Karten-Anwendung bietet, können in entsprechenden Situationen zum Beispiel auf mymaps.google.com eine entsprechende Onlinekarte anlegen. Für die Ortsmarkierungen bietet Google eine große Zahl von Symbolen, eine Symbolgruppe ist zweckmäßig “Krisenhilfe” benannt. Die Markierungen lassen sich um Texte, Fotos und Videos ergänzen.
Bis gestern waren mit Periscope gedrehte Livestreams nur an zwei Orten im Web zu finden: Auf Twitter und auf Periscope.tv. Das ist seit heute anders: Wie Periscope in einem Blog-Beitrag auf Medium.com mitteilt, können Nutzer Tweets mit Periscope-Streams jetzt in ihre Websites einbetten. Besucher dieser Websites können sich die Livestreams oder deren Aufzeichnungen dann direkt dort ansehen:
In die meisten WordPress-Installationen lassen sich Tweets einfach durch Angabe der Tweet-Url einbetten. Online-Redakteure, deren CMS keine solche Funktion bietet, können den HTML-Code von Twitter verwenden. Nach einem Klick auf die drei Punkte am Fuß des Tweets und den Menüpunkt “Tweet einbetten” erscheint der benötigte Code.
Die Monster sind los! Und sie werden – jetzt endlich – den Journalismus vor dem Untergang bewahren. Ja, gestern glaubten wir noch, Snapchat löse all unsere Probleme. Davor waren es Facebooks Instant Articles, die endlich das Geld in die Kassen spülen sollten, das wir über unseren eigenen Websites so gern erwirtschaftet hätten.
Pflichtübung für jeden ernsthaften Onliner war bis gerade eben auch das 360-Grad-Video. Oder wenigstens überhaupt ein Video, cross-gepostet auf YouTube, Vimeo und Instagram, mit einem 6-Sekunden-Trailer angekündigt auf Vine – oder auch ganz unangekündigt, live, mit Periscope oder per Facebook Live oder per YouTube Live in die große weite Welt mehr oder weniger broad gecastet.
All das hätte den Journalismus retten sollen, wie zuvor schon das Storytelling auf 140 Zeichen, oder das Scrollytelling von langen Geschichten, die früher mal ganze Bücher gefüllt hätten. Ach ja, Bücher: E-Books waren auch mal der ganz große Renner, besonders zu Preisen, zu denen sie mit Apps… Äh, ja, Apps, die gab’s ja auch, und jede Zeitung, jede Beilage, jeder Autor wollte eine, um dann festzustellen: Gemeinsam geht’s doch besser, man trifft sich im Flipboard, oder auf Feedly, auf jeden Fall wird das die Rettung – äh, nein.
Nein, die Rettung heißt jetzt Pokémon Go. Das ist ein Spiel, Geschichten lassen sich eher darüber erzählen als damit, aber was soll’s? Pokémon Go wird Facebook, Snapchat und Co. das Wasser abgraben. Pokémon Go wird die Pegida-Spaziergänge beenden. Dank Pokémon Go werden Straftäter verhaftet.
Zugegeben, ein ägyptischer islamischer Theologe hält das Spiel für Sünde. Und der ADAC warnt Autofahrer vor dank Pokémon Go geistesabwesenden anderen Verkehrsteilnehmern. Von dem armen Hunden ganz zu schweigen, die jetzt ständig um den Block gezerrt werden, weil Herrchen oder Frauchen auf der Jagd nach Pokémons sind.
Wie Pokémon Go den Journalismus retten soll? Woher soll ich das wissen? Ich habe schon nicht gewusst, wie 360-Grad-Videos den Journalismus retten könnten, und die eignen sich wenigstens, um Geschichten damit zu erzählen, nicht bloß darüber. Immerhin: Im Moment will gefühlt fast jeder praktisch alles über Pokémon Go erfahren. Wer etwas – und sei es so substanzlos wie dieser Artikel – über Pokémon Go zu erzählen hat, schafft es damit vielleicht, die Reichweite seiner Publikation zu vergrößern. Bis demnächst eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird.
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