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Falschmeldungen auf Facebook mit mehr Reichweite als Medienberichte

Dass frei erlogene Meldungen, freundlicher Fake-News genannt, auf Facebook den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl beeinflusst hätten, hat Mark Zuckerberg erst kürzlich rigoros bestritten. Eine jetzt von Buzzfeed veröffentlichte Studie scheint die These jedoch zu stützen: In den letzten drei Monaten vor der Wahl wurden die 20 erfolgreichsten erfundenen Wahlkampfmeldungen häufiger geteilt, kommentiert und oder bewertet als die 20 erfolgreichsten Artikel etablierter Nachrichtenmedien.

In Zahlen:

  • 8,711,000 Kommentare, Likes und Shares für virale Fake-News zur Wahl (darunter die Meldung, der Papst habe empfohlen, Donald Trump zu wählen)
  • 7,367,000 Kommentare, Likes und Shares für Wahlkampf-Berichterstattung etablierter Medien

Ein Sprecher von Facebook bemühte sich, diese Zahlen gegenüber Buzzfeed zu relativieren. Die Top-Meldungen machten, wie er sagte, nur einen Bruchteil dessen aus, was auf Facebook diskutiert werde.

Für gleich vier der zehn erfolgreichsten Falschmeldungen zeichnet übrigens die Website Ending The Fed verantwortlich. Die Website, die vordergründig wie eine herkömmliche Nachrichtenwebsite aufgemacht ist, verbreitet neben offensichtlichen Falschmeldungen auch eins zu eins kopierte “Nachrichten” von Satire-Websites. Bei etlichen Beiträgen dort fällt die Vermischung von Nachricht und Meinung ins Auge – bloß, wessen Meinung da zu lesen ist, erfährt der Leser nicht, denn Ending The Fed vermeidet jeden Hinweis auf die Personen, die hinter der Website stehen.

Über den Online-Redakteur, der Pokémon Go ignorierte und deshalb die Rettung des Journalismus verpasste

Pokémon Go: Wird schon bald die nächste Sau durch's Dorf getrieben?Die Monster sind los! Und sie werden – jetzt endlich – den Journalismus vor dem Untergang bewahren. Ja, gestern glaubten wir noch, Snapchat löse all unsere Probleme. Davor waren es Facebooks Instant Articles, die endlich das Geld in die Kassen spülen sollten, das wir über unseren eigenen Websites so gern erwirtschaftet hätten.

Pflichtübung für jeden ernsthaften Onliner war bis gerade eben auch das 360-Grad-Video. Oder wenigstens überhaupt ein Video, cross-gepostet auf YouTube, Vimeo und Instagram, mit einem 6-Sekunden-Trailer angekündigt auf Vine – oder auch ganz unangekündigt, live, mit Periscope oder per Facebook Live oder per YouTube Live in die große weite Welt mehr oder weniger broad gecastet.

All das hätte den Journalismus retten sollen, wie zuvor schon das Storytelling auf 140 Zeichen, oder das Scrollytelling von langen Geschichten, die früher mal ganze Bücher gefüllt hätten. Ach ja, Bücher: E-Books waren auch mal der ganz große Renner, besonders zu Preisen, zu denen sie mit Apps… Äh, ja, Apps, die gab’s ja auch, und jede Zeitung, jede Beilage, jeder Autor wollte eine, um dann festzustellen: Gemeinsam geht’s doch besser, man trifft sich im Flipboard, oder auf Feedly, auf jeden Fall wird das die Rettung – äh, nein.

Nein, die Rettung heißt jetzt Pokémon Go. Das ist ein Spiel, Geschichten lassen sich eher darüber erzählen als damit, aber was soll’s? Pokémon Go wird Facebook, Snapchat und Co. das Wasser abgraben. Pokémon Go wird die Pegida-Spaziergänge beenden. Dank Pokémon Go werden Straftäter verhaftet.

Zugegeben, ein ägyptischer islamischer Theologe hält das Spiel für Sünde. Und der ADAC warnt Autofahrer vor dank Pokémon Go geistesabwesenden anderen Verkehrsteilnehmern. Von dem armen Hunden ganz zu schweigen, die jetzt ständig um den Block gezerrt werden, weil Herrchen oder Frauchen auf der Jagd nach Pokémons sind.

Wie Pokémon Go den Journalismus retten soll? Woher soll ich das wissen? Ich habe schon nicht gewusst, wie 360-Grad-Videos den Journalismus retten könnten, und die eignen sich wenigstens, um Geschichten damit zu erzählen, nicht bloß darüber. Immerhin: Im Moment will gefühlt fast jeder praktisch alles über Pokémon Go erfahren. Wer etwas – und sei es so substanzlos wie dieser Artikel – über Pokémon Go zu erzählen hat, schafft es damit vielleicht, die Reichweite seiner Publikation zu vergrößern. Bis demnächst eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird.