Datenjournalismus für Einsteiger – Teil 1




Datenjournalismus
Lesezeit: 4 Minuten

Datenjournalismus: Undurchdringliche Zahlendschungel in komplexen, mehrdimensionalen Tabellen, in die sich nur die fähigsten Mathematiker wagen. Ausgerüstet mit Hochleistungsrechnern, in denen ausgefeilte Algorithmen ein endlos mühsames Werk verrichten, ringen sie diesen Dschungeln Stück für Stück ihre Geheimnisse ab – danke, nichts für mich!

Zugegeben, Datenjournalismus ist ein großes Wort, hinter dem sich viel Kleinarbeit verbirgt. Aber nicht jeder, der Datenjournalismus betreibt, muss deshalb gleich Datenberge wie die Wikileaks-Sammlungen oder die Panama Papers analysieren. Für’s erste genügen sicher auch ein paar Erhebungen aus dem Bundesamt für Statistik.

So lässt sich mit Datenjournalismus beispielsweise mancher Stammtischthese auf den Grund gehen. Untersuchen wir die folgende:

In Deutschland leben Männer weniger lang, weil sie höhere Risiken eingehen als Frauen.

Zunächst ein paar Vorüberlegungen: Wer am Stammtisch von “Risiken” spricht, meint damit gewöhnlich nicht Gesundheitsrisiken, hervorgerufen durch Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Nikotin- und Alkoholkonsum. Welche Risiken der Stammtischbruder im einzelnen meint, müssten wir ihn persönlich fragen. Hier gehen wir vereinfachend davon aus, dass unter die Risiken etwa eine sportliche Fahrweise fällt, die Bereitschaft, gefährliche Maschinen zu bedienen oder einen Kopfsprung in ein unbekanntes Gewässer zu wagen – kurz: Risiken, durch äußere Einflüsse Schaden zu erleiden.

Um die Stammtischthese zu prüfen, benötigen wir eine Statistik, die uns verrät, wie hoch der Anteil von Männern im Vergleich zu Frauen ist, die durch solche äußeren Einflüsse ihr Leben verloren haben (wir gehen hier davon aus, dass der Anteil von Männern und Frauen an der Gesamtbevölkerung etwa gleich ist – tatsächlich betrug das Verhältnis von Männern zu Frauen beim Zensus 2011 48,8 Prozent zu 51,2 Prozent).

Eine solche Statistik finden wir in der Datenbank Genesis des Bundesamts für Statistik. Sie trägt den Titel Gestorbene: Deutschland, Jahre, Todesursachen, Geschlecht und den Code 23211-0002.

Über die Datenbank lässt sich der abgefragte Zeitraum eingrenzen: Zehn Jahre, von 2005 bis zum aktuellsten Jahr der Statistik, 2014, dürften ausreichen, um ein hinlänglich verlässliches Ergebnis zu erzielen.

Als zu betrachtende Todesursachen wählen wir

  • Unfälle einschließlich Spätfolgen
  • Transportmittelunfälle
  • Stürze
  • Ertrinken und Untergehen
  • Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen
  • Tätlicher Angriff

Dann erhalten wir diese Tabelle:

Todesursachenstatistik
Deutschland
Gestorbene (Anzahl)
TodesursachenGeschlecht
männlichweiblichInsgesamt
2005
Unfälle einschließlich Spätfolgen11 1338 86019 993
Transportmittelunfälle4 1111 5245 635
Stürze3 7884 7608 548
Ertrinken und Untergehen280120400
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen279205484
Tätlicher Angriff247206453
2006
Unfälle einschließlich Spätfolgen10 9998 46519 464
Transportmittelunfälle3 9461 4135 359
Stürze3 8034 5788 381
Ertrinken und Untergehen298120418
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen242164406
Tätlicher Angriff255229484
2007
Unfälle einschließlich Spätfolgen10 3678 14118 508
Transportmittelunfälle3 7831 3875 170
Stürze3 4574 2717 728
Ertrinken und Untergehen250101351
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen205141346
Tätlicher Angriff242209451
2008
Unfälle einschließlich Spätfolgen10 6138 51719 130
Transportmittelunfälle3 4681 3064 774
Stürze3 7774 5568 333
Ertrinken und Untergehen269123392
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen229169398
Tätlicher Angriff222221443
2009
Unfälle einschließlich Spätfolgen10 6738 57919 252
Transportmittelunfälle3 3041 1674 471
Stürze3 8654 6388 503
Ertrinken und Untergehen284105389
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen249184433
Tätlicher Angriff222225447
2010
Unfälle einschließlich Spätfolgen10 9879 30320 290
Transportmittelunfälle2 8821 0603 942
Stürze4 3475 1329 479
Ertrinken und Untergehen282111393
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen226147373
Tätlicher Angriff238240478
2011
Unfälle einschließlich Spätfolgen11 1769 27920 455
Transportmittelunfälle3 2181 1184 336
Stürze4 4455 2779 722
Ertrinken und Untergehen269101370
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen215161376
Tätlicher Angriff232199431
2012
Unfälle einschließlich Spätfolgen11 2559 61420 869
Transportmittelunfälle2 9341 0453 979
Stürze4 6895 55110 240
Ertrinken und Untergehen297120417
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen211173384
Tätlicher Angriff204199403
2013
Unfälle einschließlich Spätfolgen11 84410 17222 016
Transportmittelunfälle2 7899823 771
Stürze4 9725 87010 842
Ertrinken und Untergehen335130465
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen241174415
Tätlicher Angriff180214394
2014
Unfälle einschließlich Spätfolgen12 24010 53622 776
Transportmittelunfälle2 7969273 723
Stürze5 3636 21911 582
Ertrinken und Untergehen287102389
Exposition gegenüber Rauch, Feuer und Flammen214133347
Tätlicher Angriff174194368

Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2016  | Stand: 17.08.2016 / 14:00:00

Vorsicht vor zu grober Vereinfachung

Bilden wir jetzt die Summen der an den genannten Ursachen gestorbenen Männer und Frauen, stellen wir fest, dass in den zehn Jahren 194.402 Männer, aber nur 159.167 Frauen aus diesen Gründen ihr Leben verloren haben. Rund 55 Prozent der Getöteten waren also Männer, nur 45 Prozent Frauen.

Ein genauerer Blick in die Tabelle verrät jedoch: Die Sachlage verdient eine differenziertere Betrachtung: Feuer, Wasser und Transportunfälle raffen wesentlich mehr Männer dahin als Frauen. Aber Frauen sterben öfter durch Stürze und liegen als Opfer tätlicher Angriffe mit Männern nahezu gleichauf.

Übertragen wir diese Ergebnisse mit dem Infografik-Dienst Infogr.am in eine Bildstatistik, stellt sich das Resultat so dar:

Da behaupte noch einmal jemand, differenzierte Betrachtungen seien nichts für den Stammtisch. Datenjournalismus muss nicht aufwändig sein.

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Über Dirk Bongardt 147 Artikel
Seit 1998 Journalist, habe ich alle bisherigen Phasen des digitalen Wandels in unserer Branche miterlebt. Von der Art, wie wir recherchieren, über unsere Möglichkeiten und Werkzeuge, Geschichten zu erzählen bis hin zu der Art, wie unsere Rezipienten unsere Inhalte aufnehmen, ist nichts davon unberührt geblieben. Als Dozent helfe ich angehenden Online-Redakteuren, das Wissen um diese Möglichkeiten und Fakten für ihre Arbeit zu nutzen.