Autorinnen und Autoren sollen mit Amazons neuer Entwicklung ihre Werke automatisch in andere Sprachen übersetzen lassen können – per KI, versteht sich. Es ist ein Schritt, der einerseits den globalen Buchmarkt demokratisieren, andererseits aber auch den letzten Rest menschlicher Übersetzungsarbeit weiter marginalisieren könnte.
Die Idee ist gar nicht so verkehrt: Viele Indie-Autorinnen und Selfpublisher scheitern bisher an den Kosten professioneller Übersetzungen. Eine gute Übersetzung ins Englische oder Spanische kann teurer sein als der gesamte Rest einer Buchproduktion. Dass Amazon nun ein Werkzeug anbietet, das diesen Schritt einfacher und günstiger macht, könnte tatsächlich dazu führen, dass mehr originelle Geschichten über Sprachgrenzen hinweg reisen. Das ist erfreulich — und fast schon ein Wunder in einer Branche, in der KI sonst vor allem bestehende Werke ausplündert, statt neue Stimmen zu fördern.
Allerdings bleibt das „fast“ in diesem Wunder wichtig. Denn es bleibt offen, wie transparent Amazon mit den Grenzen dieser Übersetzungen umgeht. KI mag im Marketingdeutsch „natürlich klingende Sprache“ erzeugen, aber sie versteht keine Nuancen, keine Dialekte, keine Doppelbödigeit. Und gerade in der Literatur sind genau das die Elemente, die den Ton tragen. Wer also künftig auf dem Kindle ein automatisch übersetztes Werk liest, könnte eine seltsam geglättete Version des Originals in den Händen halten — stilistisch sauber, aber vielleicht seelenlos.
Trotzdem verdient die Initiative ein gewisses Lob: Zum ersten Mal profitieren nicht nur Tech-Konzerne und Start-ups, sondern potenziell auch die Kreativen selbst, die bislang nur entsetzt zusehen konnten, wie KI ihnen nach und nach die Lebensgrundlage entzog. Wer bislang keinen professionellen Übersetzer fand oder bezahlen konnte, erhält nun eine reale Chance, ein internationales Publikum zu erreichen. Amazon schließt damit eine Lücke, die man kaum übersehen konnte – allerdings mit der typisch algorithmischen Wucht eines Unternehmens, das lieber Rechenzentren als Lektoren finanziert.
Wenn die KI also bald den nächsten Bestseller auf Französisch, Portugiesisch oder Japanisch liefert, darf man sich ein wenig freuen: Endlich profitieren die Menschen am unteren Ende der digitalen Nahrungskette zumindest ein kleines Stück vom großen KI-Hype.





