Alle Beiträge von Dirk Bongardt

Seit 1998 Journalist, habe ich alle bisherigen Phasen des digitalen Wandels in unserer Branche miterlebt. Von der Art, wie wir recherchieren, über unsere Möglichkeiten und Werkzeuge, Geschichten zu erzählen bis hin zu der Art, wie unsere Rezipienten unsere Inhalte aufnehmen, ist nichts davon unberührt geblieben. Als Dozent helfe ich angehenden Online-Redakteuren, das Wissen um diese Möglichkeiten und Fakten für ihre Arbeit zu nutzen.

Rasanter Richtungswechsel: KI-Startup Aleph Alpha verschiebt Fokus auf KI-Betriebssystem

Wenn Menschen nicht ganz sicher sind, wie sie sich in einer Situation verhalten sollen, orientieren sie sich oft daran, wie sich die anderen Menschen in ihrer Umgebung verhalten, und tun es ihnen dann gleich. Oft ist das eine nützliche Reaktion, zum Beispiel, wenn sie gemeinsam mit den anderen vor einer Gefahr fliehen, obwohl sie sie selbst noch nicht sehen können. Verhält sich indes ein einzelner völlig anders als die Menschen in seiner Umgebung, muss er mit negativen Reaktionen rechnen, selbst wenn sein Verhalten rational betrachtet klüger ist als das der anderen.

So geht es derzeit den Verantwortlichen des deutschen KI-Startups Aleph Alpha. „Kapitulation“, „Ausstieg“, „Niederlage“ – in der Technikpresse überwiegen negativ konnotierte Begriffe, wenn sie über Aleph Alpha berichten. Denn bei Aleph Alpha hat man sich entschieden, nicht mehr in die gleiche Richtung zu rennen wie alle anderen. „Alle anderen“, das wären in diesem Fall KI-Startups wie OpenAI oder Anthropic, aber auch Big Tech Companies wie Google, Apple, Microsoft oder Meta.

Aleph Alpha: Darum ist das KI-Startup NICHT gescheitert!

Dabei ist die Entscheidung von Aleph Alpha CEO Jonas Andrulis, nicht mehr beim Rennen um das leistungsstärkste Sprachmodell mitzumachen, rational betrachtet, durchaus klug. Big Tech verbrennt in diesem Rennen unzählige Milliarden, und verheizt dabei nebenbei natürliche Ressourcen, als hätten wir einen Zweit- und einen Dritt-Planeten in der Hinterhand. Dass sich die immensen Investitionen in diesem Kopf-an-Kopf-Rennen irgendwann amortisieren werden, ist bislang vor allem Wunschdenken. Wie viele große Sprachmodelle braucht die Welt wirklich?

Etwas zu tun, nur weil es alle tun, ist ein Symptom von Unsicherheit. Abzubiegen, wenn alle anderen geradeaus gehen, erfordert indes ein großes Maß an Selbstvertrauen. Das allein ist natürlich keine Erfolgsgarantie. Einen falschen Kurs wider bessere Einsicht beizubehalten, wäre dagegen eine Misserfolgsgarantie. Und wer will die schon?

Hintergrund: Das deutsche KI-Startup Aleph Alpha vollzieht eine drastische Kehrtwende. Statt weiter an großen Sprachmodellen zu arbeiten, konzentriert sich das Unternehmen nun auf ein KI-Betriebssystem namens PhariaAI für Unternehmens- und Regierungskunden. CEO Jonas Andrulis begründet den Schritt mit veränderten Marktbedingungen und harter Konkurrenz durch Tech-Giganten. Die Entwicklung eigener Sprachmodelle sei als Geschäftsmodell nicht mehr tragfähig. Aleph Alpha, das einst als europäischer Konkurrent zu OpenAI galt, beschäftigt aktuell 200 Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz von etwa 20 Millionen Euro (Quelle: The Decoder).

Kein Hirntumor, kein Problem? Von Materie, Geist und Mobilfunk

Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Materie und Geist zu durchdenken, lädt eine aktuelle Studie ein. Dabei ging es den Forschern eigentlich gar nicht um philosophische Betrachtungen, sondern um die Frage: Verursachen Mobiltelefone Hirntumore? Die einfache Antwort lautet: Nein. Da das Gehirn aber gemeinhin als Sitz dessen gilt, was wir Geist nennen, lohnt es sich vielleicht, weiter darauf herum zu denken.

Kein Hirntumor, kein Problem? Von Materie, Geist und Mobilfunk

Die weiter gefasste Frage “Wirken sich Mobiltelefone auf das Gehirn aus” hätten die Forscher nämlich wahrscheinlich nicht mehr mit einem klaren “Nein” beantworten können. Eher mit einem klaren “Ja”. Bei mir beispielsweise führt die intensive Beschäftigung mit meinem Mobiltelefon gelegentlich zu dem, was gemeinhin als “Geistesabwesenheit” bezeichnet wird. Zwar gänzlich tumorfrei, funken die Synapsen in dieser Zeit derart, dass zwar mein Gehirn an Ort und Stelle bleibt, mein Geist aber irgendwohin verschwindet, wo er für äußere Reize nahezu unerreichbar wird.

Wäre ich jetzt ein Einzelfall, dann wäre das kaum einen Gedanken wert. Aber die Auswirkungen dieses kleinen elektronischen Gerätes auf zahllose andere Gehirne – also Geister – sind unbestreitbar: Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Stressresistenz leiden, manchmal schon, wenn bloß ein Smartphone in der Nähe ist. “Kein erhöhtes Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken”, ist natürlich erst einmal eine gute Nachricht. Es kann aber trotzdem nicht schaden, gelegentlich Zeit ohne den kleinen Taschenteufel zu verbringen. Es ist ja auch mal ganz schön, wenn Gehirn und Geist sich am selben Ort aufhalten.

Zum Hintergrund: Eine neue Studie widerlegt den Zusammenhang zwischen Mobilfunknutzung und Hirntumoren. Forscher analysierten Daten von über 750.000 Briten über 14 Jahre. Trotz steigender Handynutzung blieb die Hirntumorrate konstant. Die Studie berücksichtigte verschiedene Tumorarten und Altersgruppen. Experten betonen, dass Mobilfunkstrahlung zu schwach sei, um DNA zu schädigen (Quelle: Golem).

Doktor Google wird schlauer: Google-KI hört Krankheiten

„Jetzt tief einatmen, Luft anhalten … jetzt ganz langsam ausatmen. Und jetzt husten Sie mal.“ Das waren seine Worte, während der Arzt mir das eiskalte Endstück seines Stethoskops auf die Brust drückte. Er hoffte zu hören, ob mich bloß eine kräftige Erkältung gepackt hatte, oder etwas Schlimmeres.

Als er mich anschließend fragte „Wie viel rauchen Sie eigentlich“, wusste ich, dieses Mal war es wohl etwas Schlimmeres, denn ich bin Nichtraucher, schon immer gewesen. Eine anschließende Röntgenaufnahme meiner Lunge und eine Blutuntersuchung bestätigten dann auch seine Verdachtsdiagnose „beidseitige Lungenentzündung“.

KI als Lungenfacharzt? Google entwickelt Diagnosetool für Atemgeräusche

Das ist ein paar Jahre her, mir geht’s längst wieder gut. Daran, wie Ärzte Lungenkrankheiten diagnostizieren, hat sich seitdem wenig geändert. Möglicherweise bekommen sie aber bald einen neuen Kollegen: Doktor Google.

„Nicht Doktor Google, bitte!“, höre ich schon die gesammelte Ärzteschaft, deren Patienten sich immer öfter mit einer schnellen Internetsuche selbst Diagnosen stellen und von studierten Medizinern allenfalls noch eine Zweitmeinung einholen, wenn’s gut läuft.

Doktor Google macht Röntgenbilder vielleicht bald obsolet: Tuberkulose erkennt die KI mit 90prozentiger Sicherheit am Husten.

Doch, bei Lungenkrankheiten könnte Doktor Google tatsächlich hilfreich sein: Der Konzern hat eine KI entwickelt, die in der Lage ist, Atemgeräusche, Husten und Co. mit hoher Treffsicherheit zu interpretieren und eine Diagnose zu stellen. Das kann nicht nur in Ländern nützlich sein, in denen medizinisches Personal und Ausrüstung Mangelware sind. „Könnten Sie mal in die App husten?“, könnte die Sprechstundenhilfe den Patienten bitten, der am Telefon einen Termin vereinbaren möchte, und wenn er dann die Diagnose „Tuberkulose“ mitbringt, am besten getrennt von den anderen Patienten auf seine Begegnung mit dem Arzt warten lassen.

Eine KI, die medizinische Diagnosen stellt (oder dabei hilft), birgt natürlich ein paar Probleme: Was, wenn eigentlich Todkranke kurz in ihr Smartphone röcheln, die todbringende Lungenpest aber wegen eines Bedienungsfehlers oder einer KI-Halluzination aber unerkannt bleibt und sie wegen der vermeintlichen Harmlosigkeit ihrer Krankheit auf einen Arztbesuch verzichten? Und, um mal eine typisch deutsche Frage zu stellen, was ist mit dem Datenschutz? Mein Husten gehört schließlich mir. Das sind durchaus berechtigte Fragen. Ich bin aber sicher, wir werden zufriedenstellende Antworten auf diese Fragen finden.

Hintergrund: Google hat eine KI-Technologie entwickelt, die Krankheiten anhand von Körpergeräuschen erkennen kann. Das System analysiert Husten, Atmung und Herzschläge, um potenzielle Gesundheitsprobleme zu identifizieren. Besonders vielversprechend ist der Einsatz bei der Früherkennung von Tuberkulose, wo die KI eine Genauigkeit von 90 Prozent erreicht. Die Technologie könnte den Zugang zu medizinischer Diagnostik in ressourcenarmen Gebieten verbessern (Quelle: Heise).

“Gems” für zahlende Kunden, Bilder für alle: Google spielt auf Risiko

Kopiert Google sich zu Tode? Große Neuigkeiten hat Google für seinen KI-Chatbot Gemini angekündigt. Mal wieder. Zahlende Nutzer bekommen “Gems”, Gratis-Nutzer sollen in Zukunft zumindest Bilder generieren können.

Was Google “Gems” nennt, das sind auf spezifische Aufgabenstellungen angepasste Chatbots, etwa, um mit der KI Ideen zu entwickeln oder in einer bestimmten Programmiersprache zu coden. Gute Idee, allerdings eine, die es schon seit Januar in ChatGPT gibt. “GPTs” heißen die spezialisierten Helferlein dort – und ChatGPT erlaubt auch Gratisnutzern, mit diesen GPTs zu arbeiten.

Weitere Innovation: Alle, also auch die Gratisnutzer, sollen demnächst über Gemini auf Googles Bild-KI Imagen 3 zugreifen und damit Bilder generieren können. Woher kenne ich die Idee nun schon wieder? Ach ja, für ein paar Bilder am Tag geht das auch mit der Gratisversion von ChatGPT, oder mit dem Copilot von Microsoft. Übrigens auch schon eine ganze Zeit.

Upgrade für Google Gemini - mit nicht ganz neuen Ideen

Eigentlich ist das eine gute Sache: Wenn mehrere Marktteilnehmer um die Gunst der Kunden konkurrieren, sind sie gezwungen, sich qualitativ gegenseitig zu überbieten und preislich zu unterbieten. Google geht hier allerdings ein hohes Risiko ein: Zum einen verfestigt sich der Eindruck, dass originelle Ideen in Mountain View Mangelware sind, zum anderen: Was ist, wenn sich die Gems insgesamt dümmer als die GPTs erweisen? Oder die von Imagen 3 gelieferten Bilder denen von Dall-E 3 nicht ebenbürtig geraten, und sei es auch nur, weil Google mal wieder mehr Wert auf politische Korrektheit legt als auf historische Genauigkeit?

Seit der ersten Präsentation von Gemini, das damals noch Bard hieß, hat Googles Image gleich einige Beulen bekommen: Gesundheitsgefährdende Tipps in den AI Overviews, Bilder dunkelhäutiger Soldaten der deutschen Wehrmacht, ein von Geminis realen Möglichkeiten weit entferntes Promo-Video – Googles Aktienkurs hat das nicht gutgetan. Jetzt werden sich die Anleger vielleicht bald fragen: Kopiert Google sich zu Tode?

Zum Hintergrund: Google hat sein KI-Framework Gemini um themenbasierte Chatbots und einen neuen Bildgenerator erweitert. Die themenbasierten Chatbots sind darauf ausgelegt, spezifische Aufgaben und Konversationen zu bewältigen, während der Bildgenerator die Erstellung von visuellen Inhalten vereinfacht. Die neuen Funktionen sollen in den nächsten Tagen und Wochen nach und nach für alle Anwender verfügbar werden (Quelle: ComputerBase).

Australien verabschiedet „Recht auf Abschalten“

Einfach wegdrücken, wenn der Chef beim Abendessen anruft? Manche Arbeitnehmer würden das gern, gehen aus Angst davor, was ihnen sonst am nächsten Tag blühen könnte, aber trotzdem ans Telefon. Zumindest in Australien haben sie jetzt den Gesetzgeber hinter sich: Arbeitnehmer müssen in ihrer Freizeit nicht erreichbar sein, ihre Telefone dürfen sie abschalten und/oder eingehende Nachrichten bis zum nächsten Arbeitstag ignorieren.

Gut so? Nun, Unternehmer sehen sich oft im selben Boot mit ihren Beschäftigten, vergessen dabei aber, dass sie im Gegensatz zu ihren Mitarbeitenden am Kapitänstisch speisen, am Steuer stehen und den Kurs setzen können – und, dass ihnen der Kahn auch noch gehört.

Immer erreichbar? Australien schreibt "Recht auf Abschalten" fest

Die Angestellten dagegen müssen sich, um im Bild zu bleiben, mit der Mannschaftsverpflegung zufriedengeben und haben auf den gesetzten Kurs nur wenig Einfluss. Sie haben dem Unternehmer eine in Art und Menge klar spezifizierte Leistung verkauft, für die sie einen vereinbarten Preis erhalten, unabhängig von etwaigen Gewinnen oder Verlusten des Unternehmens.

Im Klartext: Unternehmer haben viel mehr zu verlieren, aber auch viel mehr zu gewinnen als abhängig Beschäftigte. Wenn sie in ihrer Freizeit, im Urlaub, wenn nötig auch mitten in der Nacht, bereit sind, sich um ihr Geschäft zu kümmern, dann deshalb, weil sie davon unmittelbar profitieren. Wenn ich als Unternehmer erwarte, dass meine Beschäftigten den gleichen Einsatz zeigen, dann muss sich dieser Einsatz auch ähnlich für sie lohnen.

Zum Hintergrund: In Australien tritt ein neues Arbeitsgesetz in Kraft, das Arbeitnehmern das Recht einräumt, nach Feierabend nicht erreichbar zu sein. Beschäftigte in mittleren und großen Unternehmen dürfen ihre Mobiltelefone ausschalten und müssen nicht auf E-Mails reagieren. Für kleinere Firmen gilt die Regelung ab nächstem Jahr. Ausnahmen bestehen bei Notfällen (Quelle: Heise).

Lieber “tot”, als Unterhalt zu zahlen: Vater hackt sich ins Sterberegister

Kinder zu haben, ist eine lebenslange Verpflichtung. In diesem Punkt sind Jesse K. aus Kentucky und ich wohl komplett einer Meinung. Was uns unterscheidet, ist die Bereitschaft, uns dieser Verpflichtung zu stellen. Während ich heute vor allem die Erziehungskonzepte meiner inzwischen erwachsenen Kinder untergrabe, indem ich meinen Enkeln den einen oder anderen Blödsinn beibringe, beendete Jesse K. seine Verpflichtung durch seinen Tod. Allerdings, ohne dass er dazu seine Vitalfunktionen einstellte.

Stattdessen loggte er sich unter falscher Identität in das Sterberegister von Hawaii ein, legte dort eine Akte zu seinem Ableben an und bescheinigte sich damit seinen eigenen Tod. Damit hatte sich die „lebenslange“ Verpflichtung für ihn erledigt. Es ging ihm aber wahrscheinlich weniger darum, dass er später keine Lust haben würde, mit seinen Enkeln zu spielen, als darum, sich die Unterhaltszahlungen für seinen Nachwuchs zu sparen.

Lieber "tot" als Unterhalt zahlen? Mann hackt sich ins Sterberegister

Wenn vom Eindringen in fremde Computersysteme die Rede ist, dann fällt mitunter der Begriff “ethisches Hacken”. Was Jesse K. da gemacht hat, ist das genaue Gegenteil davon. Identitätsdiebstahl, Computerbetrug, klar, das sind an sich schon Straftaten, die nicht unbedingt auf eine hohe persönliche Ethik schließen lassen. Aber: Wer seine eigenen Kinder unversorgt lässt, ist ethisch schon ziemlich weit unten angekommen.

Zum Hintergrund: Ein Mann aus Pulaski County wurde zu 81 Monaten Haft verurteilt, nachdem er sich des Computerbetrugs und des schweren Identitätsdiebstahls schuldig bekannte. Kipf hatte sich unbefugt Zugang zu einem geschützten Computersystem verschafft und seinen eigenen Tod im Hawaii Death Registry System gefälscht, um Unterhaltszahlungen zu umgehen. Er nutzte gestohlene Zugangsdaten, um in weitere staatliche und private Netzwerke einzudringen (Quelle: Justice.gov).

Als Nachhilfelehrer: Londoner Schule holt ChatGPT ins Team

ChatGPT ist längst an den Schulen angekommen. Für die Schüler und Schülerinnen ist ChatGPT der Streber-Freund, der ihnen die Hausaufgaben macht und im Unterricht die richtigen Antworten souffliert. Für die Lehrkräfte ist er gleichermaßen Widersacher und heimlicher Gehilfe, wenn es ums Vorbereiten oder Korrigieren von Hausaufgaben und Klassenarbeiten geht. Da ist der Schritt, den ein College in London geht, nur konsequent: ChatGPT darf ins Lehrer- und ins Klassenzimmer, vorerst allerdings nicht unbeaufsichtigt.

Damit begegnet dieses College konstruktiv einer Gefahr, die von KI auf dem Bildungssektor ausgeht. KI macht es Schülerinnen und Schülern nämlich leicht, blöd zu bleiben. Selbst für umfangreiche Referate ist es nicht mehr nötig, sich mühsam Wissen anzulesen.

KI im Klassenzimmer: College testet ChatGPT als Nachilfelehrer

Es soll schon vorgekommen sein, dass die Vortragenden von Referaten und Hausaufgaben erst beim Vorlesen gemerkt haben, was ChatGPT ihnen da zu Papier, respektive zu Tablet gebracht hat. Die Gefahr ist groß, sich mit Themen, die einen nicht spontan interessieren, erst gar nicht mehr zu beschäftigen, und sich so die Chance auf Bildung auf diesem Gebiet komplett entgehen zu lassen.

Dabei ließe sich mit KI auch wirkungsvoll lernen. ChatGPT kann mit offenen Fragen helfen, Wissenslücken zu identifizieren und zu schließen. Über Sprachausgabe und -Erkennung lassen sich Gespräche in einer Fremdsprache simulieren und unterschiedliche Gesprächssituationen trainieren. Aufgabenstellungen aus der Mathematik kann ein Chatbot nicht nur lösen, sondern den Lösungsweg auch Schritt für Schritt erklären.

Das ist für die Schüler und Schülerinnen allerdings anstrengender als einfach die Aufgabenstellung in den Chatbot, und anschließend die Lösung von da in die Textverarbeitung zu kopieren. Deshalb ist es eine kluge Entscheidung, die KI im Klassenzimmer unter Aufsicht zu stellen. Natürlich, am einfachsten wäre ein Verbot. Das würde am Ende aber nur bedeuten, die Chancen, die KI bietet, ungenutzt zu lassen, und, weil so ein Verbot praktisch nicht durchzusetzen ist, den Schülern und Schülerinnen zu erlauben, blöd zu bleiben. Denn im Klassenzimmer angekommen ist die KI längst.

Zum Hintergrund: Am David Game College in London startet ein Pilotprojekt, bei dem 20 Schüler mit Hilfe von ChatGPT und anderen KI-Tools auf den mittleren Schulabschluss vorbereitet werden sollen. Ziel ist es, den Schülern ein individualisierteres Lerntempo zu ermöglichen. Allerdings werden die Schüler nicht allein gelassen: Drei Lehrer sollen das Projekt begleiten und personalisierte Lehrpläne erstellen (Quelle: Golem).

Studie: KI-Sprachmodelle entwickeln kein Eigenleben

Wovor hast du mehr Angst? Vor Ebola, oder vor einem Herzinfarkt? Vor einem Tiger, oder einer Tigermücke? Nun, wenn du in einem westlichen Land lebst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du irgendwann an einem Herzinfarkt stirbst, unendlich viel höher, als das Risiko, an Ebola zu erkranken. Ebenso wie die Gefahr, dass dir eine Tigermücke eine fiese Infektion verpasst, um ein vielfaches höher ist, als das Risiko, von einem Tiger angefallen zu werden. Und trotzdem fürchten die meisten von uns den Tiger und die Ebola-Krankheit, während wir Herzinfarktrisiken und Mückenstiche mit einem Schulterzucken abtun.

Dass wir Gefahren fast nie angemessen gewichten, zeigt sich auch bei der Diskussion um künstliche Intelligenz. Dass Maschinen ein Bewusstsein entwickeln, ist für viele der KI-Alptraum schlechthin. Lehrt uns nicht die Terminator-Reihe, dass sich die Maschinen dann früher oder später gegen ihre Herren (und Herrinnen) erheben und die Menschheit auslöschen werden?

Wie immer haben wir Angst vor dem unwahrscheinlichsten Szenario und tun die wesentlich wahrscheinlicheren Szenarien mit einem Schulterzucken ab. Dass KI (übrigens ebenso wie die Blockchain) ein ungeheurer Energiefresser ist, spielt in der öffentlichen Diskussion praktisch keine Rolle. Dass KI geeignet ist, Bilder, Videos und/oder Stimmen so perfekt zu fälschen, dass wir bald unseren Augen und Ohren nicht mehr trauen können und bösartige Akteure damit ganze Gesellschaftsordnungen untergraben können (und schon dabei sind), wird allenfalls ab und zu erwähnt. Etwas häufiger wird vielleicht noch beklagt, dass KI ganzen Berufsständen die Grundlage entziehen könnte. Aber auch das scheint den meisten (vor allem denen, die beruflich weniger betroffen sind) eher egal zu sein.

Du kannst vielleicht nicht einmal etwas dagegen tun, dass du mehr Angst vor Ebola als vor einem Herzinfarkt hast. Emotionen lassen sich nur schwer kontrollieren. Aber es schadet gewiss nicht, dir ab und zu bewusst zu machen, wo die tatsächlichen Gefahren lauern. Bleib gesund!

Zum Hintergrund: Eine aktuelle Studie der TU Darmstadt und der University of Bath entkräftet Befürchtungen über die Verselbstständigung von KI-Systemen. Trotz rasanter Entwicklungen im KI-Bereich seit ChatGPT können große Sprachmodelle kein Eigenleben entwickeln. Die Forschung zeigt, dass diese Systeme nicht zu selbstständigem, komplexem Denken fähig sind. Diese Erkenntnis widerlegt Warnungen von Kritikern, die eine potenzielle Autonomie von KI befürchteten. Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse zur Einschätzung der tatsächlichen Fähigkeiten und Grenzen aktueller KI-Technologien (Quelle: BasicThinking).

Phishing per Brief: Perfide Masche per QR-Code

Irgendwann kriegen sie auch dich. Noch schlimmer: Wahrscheinlich sogar mich. Menschen von hoher Intelligenz und niedriger Moral, die die Täuschung zu einer Kunst erhoben haben. Nein, ich rede gerade nicht von der BILD, da würde nur der Teil mit der Moral stimmen. Die, die dich und mich irgendwann auch noch kriegen, das sind die Cyberkriminellen, deren Taktiken inzwischen einen Grad an Perfektion erreicht haben, der geeignet ist, auch die Wachsamsten hinters Licht zu führen. E-Mail-Spam? Schockanrufe mit geklonten Stimmen? KI-generierte Videos, in denen Nachrichtensprecher für Kryptobörsen werben? Kennt man, weiß man, ignoriert man.

Mach DAS auf keinen Fall, wenn du Post von deiner Bank bekommst!

Nix KI: Briefe sind der neue heiße Scheiß. Mit Briefkopf und Fuß der Hausbank. Und einem QR-Code, den die arglosen Kunden scannen sollen, um gegenüber der Bank ihre Identität zu bestätigen – und anschließend um ihre Zugangsdaten zum Onlinebanking gebracht zu werden. Plausibel begründet wird das im Anschreiben mit einem Verweis auf EU-Regeln zur Verhinderung von Geldwäsche. Vor ein paar Jahren hätte die Masche noch wenig Aussicht auf Erfolg gehabt. Aber nachdem das Scannen und/oder Vorzeigen von QR-Codes in der Pandemie zur notwendigen Bedingung wurde, wenn jemand nur irgendwo einen Kaffee trinken wollte, haben die Menschen hierzulande generationsübergreifend die Berührungsangst vor diesen kryptischen Punktmustern verloren.

So gesehen, ist es eine gute Nachricht, dass die Post ganz offiziell angekündigt hat, ihre Leistungen herunterzuschrauben und ihre Preise zu erhöhen. Für die Kriminellen wird’s damit teurer. Ob sie den Brief als Kommunikationsmittel deshalb aufgeben, wird davon abhängen, wie deutlich die ergaunerten Erträge die anfallenden Kosten übersteigen. Ziemlich sicher hecken die Cyberkriminellen bereits die nächsten Maschen aus. Irgendwann kriegen sie auch dich. Oder mich. Aber: Wer wachsam bleibt, den erwischt es später!

Zum Hintergrund: Die Polizei warnt vor einer neuen Phishing-Masche, bei der Kriminelle per Briefpost sensible Daten abgreifen. Betrüger versenden gefälschte Schreiben im Namen großer Banken, die Empfänger zur Bestätigung ihrer Identität auffordern. Die Briefe wirken täuschend echt und enthalten QR-Codes zu überzeugend gefälschten Webseiten. Opfer geben daraufhin ihre Daten preis, was den Kriminellen Zugriff auf ihre Konten ermöglicht. (Quelle: Golem).

Statt Paywall oder Werbung: Chrome bekommt (eventuell) Feature für die Monetarisierung von Websites

Geld verdienen mit Web-Inhalten, das funktioniert bislang vor allem auf zwei Arten: Mit Werbung im Umfeld der Inhalte, und mit Bezahlschranken. Eine dritte, bislang seltener genutzte Möglichkeit, ist, sein Publikum um Spenden zu bitten. Und viele Nutzer sind dazu auch bereit. Wer sich gut unterhalten, oder umfassend informiert fühlt – oder beides – gäbe dem Autor sicher gern ein paar Cent als Anerkennung. Einige Seitenbetreiber haben deshalb Spenden-Buttons, zum Beispiel von Paypal, auf ihren Websites. Deren großer Nachteil: Bei Kleinstbeträgen fallen bei vielen Bezahldienstleistern so hohe Gebühren an, dass den Empfängern kaum etwas von den Spenden bleibt. Mit einer Idee, die Google eventuell im Chrome-Browser umsetzen möchte, könnte sich das bald ändern.

Ohne Paywall, ohne Werbung: Google erwägt neue Möglichkeit, mit der Website Geld zu verdienen

Das Prinzip: Seitenbetreiber signalisieren im HTML-Code, dass sie an dem Programm teilnehmen, die Leser und Leserinnen schalten die Seiten für ihre Spenden (in beliebig niedriger Höhe) frei. Nei jedem Besuch eines spendenwilligen Nutzers auf einer spendenwürdigen Website wandert zunächst virtuell etwas Geld vom Nutzer zum Seitenbetreiber. Tatsächlich Geld transferiert wird dann in größeren Zeiträumen, sodass die Gebühren der Zahlungsdienstleister nicht mehr so viel von den Spenden auffressen würden.

Ich würde das Programm wohl selbst hauptsächlich als Leser nutzen. Insbesondere dann, wenn die Betreiber anderer Websites dann ihren Werbeflächen verkleinerten, und ich bei der Suche nach aktuellen Inhalten nicht mehr ständig über Bezahlschranken stolperte. Und da haben wir das kleine Problem, an dem diese wirklich gute Idee doch noch scheitern könnte. “Ich würde”. Aber, würdest du auch?

Zum Hintergrund: Google plant, mit der Unterstützung der Web-Monetarisierung in Chrome Website-Betreibern eine neue Einnahmequelle zu bieten. Das System ermöglicht Mikrozahlungen von Nutzern an Webseiten ohne direkte Interaktion bei jeder Transaktion. Dies könnte die hohen Gebühren herkömmlicher Zahlungsmethoden reduzieren. Websites müssen ein spezielles HTML-Element einfügen, um die Funktion zu nutzen. Nutzer behalten die Kontrolle über ihre Zahlungen. Die Funktion befindet sich noch im Entwurfsstadium, und es ist unklar, ob und wann sie offiziell in Chrome integriert wird (Quelle: Golem).

US-Urteil: Google missbraucht Marktmacht

Für Google wird der Gegenwind schärfer. Der Suchmaschinen-Monopolist missbrauche seine Marktmacht zum Schaden des Wettbewerbs, hat ein US-Gericht entschieden. Es ist zwar theoretisch denkbar, dass das Urteil in der nächsten Instanz abgemildert wird, aber ich bin sicher, seine Folgen werden in der ganzen Branche spürbar sein. Zwanzig Milliarden US-Dollar gibt Google bislang jährlich aus, damit seine Suchmaschine in den gängigsten Browsern und auf wichtigen Plattformen voreingestellt ist. Von dem Geldsegen profitieren Apple, Samsung, und unter anderem auch die Mozilla Foundation, die damit den Firefox-Browser weiterentwickelt. Was passiert, wenn Google diese Zahlungen einstellt?

"Missbrauch der Monopolstellung" -  Google-Urteil wird Konsequenzen haben

Nun, bei Firefox, Safari & Co. müssten die Anwender zunächst vielleicht künftig selbst entscheiden, welchem Suchdienst sie ihre Gunst schenken. Aus purer Gewohnheit dürften sich zwar viele von sich aus für Google entscheiden, aber sicher nicht mehr so viele, wie bisher aus purer Gewohnheit die Voreinstellungen unverändert übernommen haben. Googles Anteil am Such-Markt würde unweigerlich fallen. Damit würde auch die Attraktivität sinken, in Googles Suchnetzwerk Werbung zu schalten. Andere Werbenetzwerke könnten davon profitieren.

Andererseits würden die 20 Milliarden US-Dollar in den Budgets der Tech-Unternehmen fehlen. Für Samsung und Apple schmerzhaft, aber keine Katastrophe, aber die Mozilla Foundation müsste finanziell komplett neu denken. Ohne Googles Geld bliebe für die Fortentwicklung des Firefox kaum noch Kapital. Der könnte damit hinter andere Browser zurückfallen – zum Beispiel hinter Opera.

Die Konsequenz aus dem Urteil in den USA werden also wohl weltweit zu spüren sein. Allerdings wird das ein allmählicher Prozess sein, weil die Nutzung von Google für viele zu einer eingeschliffenen Gewohnheit geworden ist. Und kaum etwas ist so mächtig, wie eine eingeschliffene Gewohnheit. Nichtsdestoweniger: Für Google wird der Gegenwind schärfer.

Zum Hintergrund: Ein US-Gericht hat Google als Monopolist verurteilt und dem Unternehmen illegale Geschäftspraktiken vorgeworfen. Der Prozess, angestrengt vom US-Justizministerium, endete mit der Feststellung, dass Google seine Marktmacht missbraucht hat, um seine dominante Stellung im Suchmaschinenmarkt zu sichern. Mit einem Marktanteil von 95 Prozent und jährlichen Zahlungen von über 20 Milliarden Dollar an Apple und andere, um als Standardsuchmaschine zu bleiben, verhindert Google laut Gericht den Wettbewerb. Google plant, das Urteil anzufechten (Quelle: GoogleWatchBlog).

Perplexity will bezahlen: Ist das die Zukunft von SEO?

Lohnt sich SEO noch? Die Frage stelle ich mir nicht zum ersten Mal. Derzeit lautet die Antwort: Ja, noch. Weshalb sich SEO vielleicht bald nicht mehr lohnen könnte, erschließt sich bei einem Blick auf Perplexity: Diese KI-Anwendung durchsucht das Web wie eine Suchmaschine, spuckt als Ergebnis aber eine ausformulierte Antwort aus, statt eine endlose Liste von Links zu liefern. Zwar liefert Perplexity mit jeder Antwort auch ein paar Links, auf die wird aber sicher nur noch selten jemand klicken.

Nun wollen die meisten, die Inhalte für das Web bereitstellen, damit nicht nur die Menschheit schlauer machen, sondern auch, in der einen oder anderen Form, Geld verdienen. Ein vollkommen legitimes Anliegen. Wie soll das gehen, wenn die Internetnutzer ihre Antworten ausformuliert von der KI erhalten, und oft überhaupt nicht mehr wahrnehmen, woher die KI die Informationen bezogen hat? Wohl auch deshalb sah sich Perplexity in den letzten Monaten heftiger Kritik ausgesetzt.

Perplexity will bezahlen: Hat SEO wieder eine Zukunft?
Lohnt sich SEO noch? Der Handschlag zwischen Roboter und Mensch steht symbolisch für eine Partnerschaft, die Perplexity Content-Publishern anbietet.

Jetzt haben die Entwickler von Perplexity eine Idee an den Start gebracht, von der endlich auch wieder die profitieren können, deren Inhalte die KI für ihre Antworten nutzt. Perplexity will bezahlen. Wenn die KI die Inhalte eines Perplexity-Partners nutzt, um eine Antwort zu geben, soll der Partner einen Anteil an den von Perplexity erzielten Werbeeinahmen erhalten. Kleiner Wermutstropfen: Partner sind bis jetzt nur große Inhalte-Anbieter wie der Spiegel, Fortune oder Time. Zumindest die werden Perplexity wegen Verwendung ihrer Inhalte also nicht mehr verklagen.

Denkt man das Konzept konsequent weiter, könnte Perplexity solche Partnerangebote aber auch den Betreibern kleinerer Websites machen. Die hätten dann nach wie vor einen Anreiz, hochwertige, informative Inhalte zu entwickeln – je mehr, und je besser, desto öfter könnten diese in KI-Antworten einfließen, und desto mehr würden auch sie selbst davon profitieren. Verfolgt Perplexity diesen Weg konsequent weiter, könnte die Antwort auf die Frage “Lohnt sich SEO noch?” vielleicht bald lauten. “Ja. Und demnächst sogar noch mehr!”

Zum Hintergrund: KI-Suchmaschine Perplexity führt ein Partnerprogramm ein, das Publisher beteiligt, deren Inhalte in den Antworten verwendet werden. Das Programm soll die Reichweite von Perplexity steigern und die Qualität der Suchergebnisse verbessern. Dabei setzt das Unternehmen auf Transparenz und Fairness. Partner erhalten eine direkte Vergütung basierend auf den Werbeeinnahmen, die durch ihre Inhalte generiert werden. Die genauen Konditionen sind bislang geheim. Perplexity hofft, durch das Programm sowohl Nutzer als auch Anbieter zu gewinnen und die Verbreitung seiner KI-Technologie zu fördern (Quelle: Heise).